Transitspektakel Holzskulptur
U-Bahnhof in Neapel von Benedetta Tagliabue – EMBT
Poggioreale ist ein Stadtteil im Osten Neapels. Hier, unweit von Hauptbahnhof und Flughafen, entstand zu Beginn der 1990er Jahre das Büro- und Geschäftsquartier Centro Direzionale nach Plänen von Kenzō Tange. Lange Zeit beschränkte sich die öffentliche Verkehrserschließung des Hochhausquartiers überwiegend auf die Vorortbahnlinie Circumvesuviana. Seit April 2025 ist das Areal endlich durch die Haltestelle Centro Direzionale an das Metro-Netz der Stadt angeschlossen. Der Bahnhof mit Architektur von Benedetta Tagliabue – EMBT (Barcelona) bildet die derzeitige Endhaltestelle der U-Bahn-Linie 1, die perspektivisch zur Ringlinie werden und die Innenstadt mit dem Flughafen verbinden soll.
Mit der Expansion der seit 1993 betriebenen und damit ältesten Metro-Linie will die Stadt Neapel den Nahverkehr auch zu einem kulturellen Erlebnisort machen. Bereits 2004 waren international bekannte Gestalter*innen – unter anderem Alvaro Siza (mit Eduardo Souto de Moura), Massimiliano Fuksas, Dominique Perrault oder Óscar Tusquets Blanca – damit beauftragt worden, sogenannte Stazioni dell’arte zu realisieren: aufsehenerregende Transit-Architekturen, die in Verbindung mit Kunstinstallationen und der Inszenierung archäologischer Funde zu Publikumsmagneten werden. Centro Direzionale ist die zwölfte Fertigstellung auf der Strecke.
Inmitten der artifiziellen Umgebung des Verwaltungszentrums versuchten EMBT, den Bogen zum vulkanischen Grund der Region zu spannen. Auf der platzartigen Mittelinsel der Viale Umberto Terracini im Block Isola F – am Fuß der hochaufragenden Betonpyramide Chiesa di San Carlo Borromeo von Pierluigi Spadolini – entwickelten sie eine sanfte Topografie an Wegen, die über verschiedene Ebenen zu einer skulpturalen, 10.000 Quadratmeter überspannenden Dachkonstruktion hinführt. Ausgeführt in Brettschichtholz, schlägt die Überdachung Wellen, die in ihrer Breite das darunterliegende Gleisbett spiegeln.
Der neue Bahnhof ersetzt einen vormaligen überdachten Zugang zum U-Bahnschacht. Teile der abgerissenen Struktur konnten als Basis für die hölzernen Stützen des neuen Gewölbes wiederverwertet werden. Die Erschließung verdichtet sich vor allem im Zentrum. Das Krater-Motiv wird durch den Lichteinfall durch die große, mittig gesetzte Öffnung und die Vertäfelung aus rot, orangefarbenen und gelben Metallplatten im Bereich der Bahnsteige verstärkt.
Die Farbgebung zitiert zeitgleich die Fresken der Häuser Pompejis. Stilisierte Silhouetten erinnern an die dortige Villa dei Misteri. Die angedachte Abbildung eines Gesichts aus den archäologischen Funden der verlorenen Stadt auf dem weitläufigen Dach wurde hingegen nicht realisiert. Rund 43 Millionen Euro kostete der Bau der Station laut der italienischen Presse. Das ist doppelt so viel wie ursprünglich budgetiert. (kms)
- Einweihung:
- April 2025
- Architektur:
- Benedetta Tagliabue – EMBT
- Projektleitung:
- Joan Callís
- Teamleitung:
- Valentina Nicol Noris
- Team:
- Eugenio Cirulli, Marco Orecchia, Gabriela Degetau, Sofia Barberena, Andrea Morandi, Alessandra Deidda, Cecilia Bertozzi, Mirko Silvestri, Joanna Karatzas, Gabriele Rotelli, Guile Amadeu, Lucien Puech,Valeria Alfonsi, Michela Cicuto, Francesca Martinelli, Guido Bigolin, Maira Carillo, Jan Kokol, Andrè Temporelli, Ludwig Godefroy, Shavleg Chichishvili, Gordon Tannhausen, Marco Orecchia, Giulia Viola, Federico Volpi, Teymour Benet, Luis Angello Coarite Asencio, Antonio Rusconi, Davide Mergoni, Francesco Rota, Gregorius Budhijanto, Juan Manuel Peña Sanz, Marco dal Fabbro, Marina Pérez Primo, Raphael Teixeira Libonati, Stefano Spotti, Andrea Morandi, Silvia Sonnati, Carlo Consalvo, Philip Lemanski, Marianna Mincarelli
- Baustatik:
- MC2, Julio Martínez Calzón
- Bauherrschaft:
- Metropolitana di Napoli
- Fläche:
- 10.000 m² überbaute Fläche
- Baukosten:
- 43.000.000 €
- Auszeichnungen:
- EUmies Awards 2026 Nominee
Östlich der Bahntrasse soll bis 2036 Napoli Porta Est entstehen, ein 18,5 Hektar umfassendes Stadterneuerungsprojekt nach Plänen von Zaha Hadid Architects.




