Buchtipp: Ethische Konflikte
Architecture for Warfare
Der englische Begriff „warfare“ bezeichnet die Art und Weise, wie ein Krieg geführt wird. Im Buch Architecture for Warfare. How Corporations Profit from Destruction and Reconstruction ist damit das profitable Geschäft von an Planung und Bau beteiligten Firmen gemeint, die sowohl Aufträge für militärische Infrastruktur als auch für den Wiederaufbau von Gebäuden, Quartieren und Infrastrukturen ausführen.
Geschrieben hat es der britische Landschaftsarchitekt Ed Wall, der einst im Büro AECOM angestellt war, aktuell an der University of Greenwich und in Mailand lehrt. Seine Recherche – die durch persönliche Erfahrungen motiviert ist und ausschließlich auf öffentlich im Netz zugänglichen Informationen basiert – wurde durch ein Stipendium der Graham Foundation unterstützt.
BauNetz-Leser*innen dürften auf den Namen AECOM schon in den Meldungen zum Londoner Serpentine Pavilion oder den Stadien in Katar und Guangzhou gestoßen sein. Andere kennen das Unternehmen vielleicht als weltweit agierendes Architekturbüro, das immer wieder bei großen Projekten auftaucht. Walls Buch erzählt, was sich noch alles hinter dem Namen AECOM verbirgt.
Sein knapp 90 Seiten umfassender, provokativ argumentierender Text beleuchtet ein Unternehmen, das weltweit rund 51.000 Menschen beschäftigt, im Jahr 2025 einen Bruttogewinn von 722 Millionen Dollar erwirtschaftete und sich auf seiner Webseite als „starker, weltweit führender Architekturpartner“ präsentiert, für den „Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung, alternative Energien und eine verbesserte Lebensqualität durch Schutz und Erhalt der Umwelt Motoren für eine erfolgreiche Zukunft“ sind.
Wall benennt die Rolle von AECOM als Infrastrukturpartner der Olympischen Spiele in Los Angeles 2028, als Unterstützer des Londoner Architekturfestivals und als Sponsor der Plattform World Landscape Architecture ebenso wie die Planungen für die Megastadt Neom in Saudi-Arabien, für Gefängnisse, Waffenfabriken und militärische Infrastrukturen weltweit. Gezielt, so schreibt Wall, würden Personen angeworben, die Türen zu Machthaber*innen öffnen und Regierungsaufträge vermitteln könnten. Unter anderem habe AECOM Khamis Gaddafi – dem Sohn des ehemaligen libyschen Herrschers – ein Praktikum ermöglicht, während es mehrere Infrastrukturaufträge für das libysche Militär erfüllte.
Der Autor fragt, warum ein Unternehmen, das Dienstleistungen für Projekte erbringt, die Menschenrechte missachten, und das indirekt auch an der Zerstörung des Gebauten verdient, sich mit der Auszeichnung „World’s Most Ethical Company“ schmücken darf. Spätestens hier macht er die globalen Widersprüche und Zielkonkflikte deutlich, die vor der Welt der Architektur nicht haltmachen – und befeuert die Debatte um Doppelmoral in der Architekturproduktion. Dabei verweist er auch auf die unkritische Architekturpresse. Diese fokussiere in der moralischen Debatte zu sehr auf berühmte Namen und lasse die Verstrickungen großer Firmen außer Acht.
Den Menschen in den Mittelpunkt des eigenen Handelns stellen, sorgsam mit Ressourcen umgehen, das eigene Wissen für Innovationen einsetzen und die Welt zu einen besseren Ort machen – derartige Positionierungen finden sich auf jeder dritten Webseite eines Architekturbüros. Nicht zuletzt bietet Walls Buch Anlass, einmal mehr zu darüber nachzudenken, für wen man als Architekt*in eigentlich die eigene Arbeitskraft einsetzt.
Im Buch geht es ausschließlich um AECOM. Wie ein Dokumentarfilm in Textform beleuchtet es ein globales Phänomen anhand dieses einen Beispiels. Es bleibt abzuwarten, ob nun weitere Recherchen folgen.
Text: Friederike Meyer
Architecture for Warfare
Ed Wall
Englisch
96 Seiten
Jovis, Berlin 2025
ISBN 978-3-98612-281-2
22 Euro