Buchtipp: Von Dessau nach Boston
Bauhaus New England




Alles begann 2018 im Vorfeld des Jubiläums der Bauhaus-Gründung. Fotograf Mark Römisch erhielt vom Goethe-Institut den Auftrag, Bauten in den New England-Staaten zu fotografieren, die von exilierten Bauhäuslern und ihren Schüler*innen stammten – allen voran Walter Gropius und Marcel Breuer.
Aus diesem Auftrag wurde für den aus Deutschland stammenden und bei Boston lebenden Römisch ein Langzeitprojekt mit Vorträgen, Workshops, Ausstellungen, einer Webseite – und einem Buch. Bauhaus New England. Portraits of an Architectural Legacy nennt sich das kürzlich erschienene, zurückhaltend gestaltete Fotobuch, in dem Römisch seine Schwarz-Weiß-Bilder präsentiert. Es zeigt 27 Bauten, die zwischen 1938 und 1974 errichtet wurden, wobei die meisten Projekte um 1950 entstanden.
Mit ihren eigenen Häusern in Lincoln setzten Gropius und Breuer 1938/39 den Ton. Weitere Architekt*innen folgten und machten Lincoln und Lexington sowie Wellfleet auf der Halbinsel Cape Cod zu Brennpunkten einer modernen und zugleich geschmackvoll dezenten, privaten Wohnarchitektur. Fast alle Bauten im Buch stehen an diesen drei Orten in Massachusetts.
Architekturhistorisch relevant sind diese Häuser, da sie zeigen, wie die beiden Protagonisten des Neuen Bauens in Deutschland jenseits des Atlantiks ihre architektonische Haltung in den späten 1930er Jahren weiterentwickelten. Denn die „weißen Kisten“ der Zwischenkriegszeit markierten letztlich einen Extrempunkt der Abstraktion und Reduktion, der in den 30ern auch innerhalb der Architekturdebatte der Moderne zunehmend kritisch diskutiert wurde. Eine Auseinandersetzung mit den ästhetischen Potenzialen des Materials, das gezielte und vorsichtige Aufgreifen von Regionalismen sowie ein neues Interesse an der architektonischen Form und an Wohnlichkeit wurden zum Thema.
In der Schweiz und den vom Faschismus weniger stark betroffenen Ländern in Skandinavien kann man diese Entwicklung in den 1930/40er Jahren ebenfalls beobachten. Römisch macht sie mit seinem Buch am Beispiel der Bauaufgabe Einfamilien- und Sommerhaus in New England und mit den Mitteln der Architekturfotografie bestens nachvollziehbar. Seine klassisch präzisen Schwarz-Weiß-Aufnahmen fokussieren ganz auf Raum, Oberflächen und vor allem das Spiel von Licht und Schatten. Sie verleihen den Häusern einen fast schon überzeitlichen Charakter. So manch störender, riesiger Flachbildfernseher und ähnliche Zeugnisse heutiger Nutzung, verschwinden dabei auf angenehme Art und Weise ob der durchdachten Bildkompositionen und Lichtinszenierung.
Mehrere kompakte Texte begleiten die gut 200 Fotografien. Sie geben die nötige Orientierung, um die Bauten einordnen zu können. Besonders aufschlussreich ist der Text der Architekturhistorikerin Amy D. Finstein. Sie zeigt, wie Gropius und Breuer mit ihrer Lehre in Harvard eine junge Generation prägten – und wie schließlich auch Gestalter*innen und Handwerker*innen ohne formale Architekturausbildung vor allem auf Cape Cod Sommerhäuser errichteten, in denen sich das Erbe der europäischen Moderne, der amerikanische Lebensstil und die Freude an der architektonischen Selbstverwirklichung auf erfrischende Weise verbinden.
Bauhaus New England. Portraits of an Architectural Legacy
Mark Römisch
Gestaltung: Matthias Bunsen
Englisch
224 Seiten
Hirmer Verlag, München 2026
ISBN 978-3-7774-4792-6
50 Euro





