Klassizismus für Krasnodar
Fussballstadion von gmp
Zumindest die deutschen Berichterstatter der jetzigen Fußball-WM werden erleichtert sein, dass dieses neue Stadion für den Verein FK Krasnodar von gmp • Gerkan Marg und Partner nicht zu den offiziellen Spielstätten zählt. Denn bei der typischen Kamera-Gesamtansicht auf das Gebäude würden einige Journalisten in die Bedrängnis geraten, die Ähnlichkeit des Baus mit dem nationalsozialistischen Olympia-Stadion in Berlin zu erklären. Und das, wo doch diese WM in Russland ohnehin von großer Kritik begleitet wird.
Dieses Dilemma wird also bei dem 33.000 Zuschauer-Stadion nicht eintreten. Trotzdem ist es beeindruckend, welch einen kritiklosen Neo-Klassizismus das Hamburger Büro hier umgesetzt hat. In enger Absprache mit dem Bauherrn – etwa dem russischen Immobilienentwickler Investroij und dem Milliardär sowie dem Präsident des Fußballvereins, Sergey Galitsky – hätten gmp die Architektur für das neue Heimstadion des FK Krasnodar entworfen. Dabei einigten sie sich auf kein geringeres Vorbild als den Urtyp des Stadions: das römische Amphitheater. Die ovale, steinerne Form des Baus ist eben jener römisch-antiken Arena wie dem Kollosseum in Rom entnommen. Kannelierte Pilaster aus hellgrauem Travertin bilden eine dreiteilige Fassade mit strengen Kollonaden nach und legen eher Verbindungen zur Formsprache der griechischen Antike frei. Von einer großzügigen Parkanlage umgeben, auf einem Podest lagernd und über eine weite Plattform zugänglich, wird der Bau durch seine gesamte Umgebung visuell überhöht.
Dem antikisierenden Äußeren steht ein zeitgenössisches Inneres gegenüber: Die Tribüne wird von einem leichten Ringseildach überdeckt. Die zweilagige Membraneindeckung aus PTFE-beschichtetem Glasgewebe erzeugt einen volumetrischen Dachkörper, der die technischen Funktionsfelder von Flutlicht und Heizung für die Zuschauerränge integriert. Die Fläche hinter dem oberen Rang ist ringsherum von einem 4.700 Quadratmeter großen LED-Bildschirm umgeben. Die Umsetzung des widersprüchlichen Gesamtkonzepts dieses Stadions mit einem hypermodernen Inneren und einem starr historischen Äußeren übernahm Sergej Tchobans Moskauer Büro JSC SPeeCH. Die Architekten von gmp verteidigen ihr Projekt damit, dass es „auf einmalige Weise Rationalität in Konstruktion und Tektonik” verbinde. (sj)
Fotos: Marcus Bredt
Über die architektonischen Parallelen bzw. die geschichtlichen Unterschiede zwischen dem Kolosseum in Rom, dem Olympiastadion in Berlin und der Fußballarena in Krasnodar könnte man einiges Geistreiches zusammentragen. Zum Beispiel die ausführlich geführten Debatten zu unserem Umbau des Berliner Olympiastadions und der dortigen alles andere als einfachen Geschichtsbewältigung nachlesen oder den Katalog "Choreographie der Massen" zur Ausstellung in der Akademie der Künste studieren.
Danach könnte man zumindest das Für und Wider abwägen, ob man die über Jahrtausende fortdauernde Wiederkehr des bewährten Stadionovals in Krasnodar als klassische Tradition oder als kritiklosen Neo-Klassizismus verstehen will. Also ob ein Pferd wirklich ein Pferd ist, auch wenn es von ganz weit weg ein bisschen wie eine Kuh aussieht.
Zeitlosigkeit ist ein interessanter Begriff, besser als das (leider) oft inhaltslose schön. Sicher darf Architektur auch zeitlos sein, jedoch sehe ich das in diesem Fall einfach nicht. Kann Zeitlosigkeit über reine Formalismen erreicht werden, oder spielt da vielleicht doch noch etwas mehr rein?
Nutzungsqualität, Flexibilität, ästhetische Adaptierbarkeit über mehrere Generationen hinweg und tatsächliche bauliche Qualitäten die in der Lage sind, dem Faktor Zeit zu trotzen. Müssten nicht auch solche Faktoren erfüllt sein, um von einer wirklich Zeitlosen Architektur sprechen zu können?
Schönes Stadion