Treffpunkt Buchterrassen
Gemeinschaftliches Dorfhaus mit Bibliothek im Süden Chinas
Seit 2016 beschäftigen sich Student*innen der Architekturfakultäten in Hongkong und Guangzhou gemeinsam mit den Lebensbedingungen in den stark traditionell geprägten Dörfern der Dong im Süden Chinas. Die Dong sind eine von insgesamt 56 staatlich anerkannten Minderheiten, ihr Siedlungsgebiet liegt vor allem in den subtropischen Flusstälern zwischen den drei südchinesischen Provinzen Guangxi, Guizhou und Hunan. Ihre Architektur ist bekannt für eine reine Holzbaukunst, in der keine Schrauben oder Nägel verwendet werden; einige ihrer Trommeltürme und üppig verzierten und überdachten „Wind-und-Regen-Brücken“ sind Touristenattraktionen.
In intensiven Gesprächen der Studierenden mit den Bewohner*innen des 2.500-Einwohner-Dorfs Gaobu im abgelegenen Tal des Pingtan-Flusses entstand die Idee eines neuen Gemeinschaftshauses mit integrierter Bibliothek: das Gaobu House of Books. Denn die meisten Kinder werden hier von ihren Großeltern erzogen, bis sie zehn Jahre alt sind – die Elterngeneration ist größtenteils zum Arbeiten in die Städte abgewandert, ein System von Grundschulen gibt es kaum. „Dadurch verbringen die Kinder auf diesen Dörfern sehr viel Zeit online und mit Videospielen“, schreibt das Design Research Studio Condition_Lab der Universität von Hongkong, das vom britischen Architekten Peter W. Ferretto geleitet wird. Diesem Problem soll das House of Books als gemeinsamer, generationanübergreifender Ort des Lernens und Spielens nun ein Stück weit abhelfen. Für dessen Finanzierung konnte ein privater Sponsor gewonnen werden.
Das Gemeinschaftshaus ist ein Prototyp, denn ein solches Angebot gibt es auf den Dörfern bislang nicht: Es ist ein Holzbau, der in Zusammenarbeit mit lokalen Handwerkern in der traditionellen Bauweise der Dong entstand. Das Haus besitzt keine Türen, sondern öffnet sich im Raster seiner Holzpfeiler und der gefalteten Schaufassade zum zentralen Platz. Wenige Sitzstufen und eine Treppe mit knallrotem Geländer laden zum Eintritt. Im Inneren ist der Bau als verschachtelte Terrassenstruktur angelegt, die Treppe ist sozusagen der „rote Faden“, der durchs ganze Gebäude führt. „Bei unseren Untersuchungen haben wir festgestellt, dass die Treppen in den Dörfern und Häusern der Dong ein wesentliches Element ist“, erklärt Milly Lam, Architektin am Condition_Lab, dazu. Da sich die Dörfer meist an den Hängen der Flusstäler befinden, sind sie auf Terrassen angelegt. Die sie durchziehenden Treppen dienen als öffentlicher Treffpunkt und Aufenthaltsort: für informelle und offizielle Gespräche, zum Sitzen und Arbeiten. Genau so soll auch die Treppe im House of Books genutzt werden.
Der 200 Quadratmeter große Bau bietet nutzungsoffene Räume. Das Erdgeschoss soll als überdachter Raum zum „öffentlichen Wohnzimmer“ werden, für Versammlungen, Veranstaltungen und Ausstellungen. „Alle Innenwände des Hauses darüber sind als Buchregale gestaltet“, so Lam. Zwölf verschiedene Abteilungen können mit der Zeit gefüllt werden, die Kinderbibliothek sei bereits gut angenommen worden. Diesem ersten Prototypen, der Anfang 2019 offiziell eingeweiht wurde, folgt bereits ein zweites Haus, das derzeit im vier Kilometer entfernten Dörfchen Pingtan im Bau ist. (fh)
Fotos: Liang Leon Xu
Mehr zum Thema Buchhäuser, Bibliotheken und Buchläden in China in der BAUNETZWOCHE#566 „Bühnen für Bücher“, die am 5. November 2020 erschienen ist.
ich fände es übrigens auch besser man würde in deutscheland die aussteifung weglassen.
in china gabs schon 48 frauenwahlrecht, im tessin erst 69. jedenfalls im kanton.
ist das eigentlich kantonesische küche?
China mit seinen bald 1,4 Mrd. Menschen ist wahrlich weitaus mehr als KP und Diktatur. Ein Vielvölkerstaat mit einer höchst faszinierenden Geschichte. Und einem mindestens genauso viel vernarbten "kollektiven Gedächtnis" wie unserem hier in der Mitte des "alten Kontinents Europa". Habe das Land im wechselvollen Jahr 1989 zum ersten Mal für 3 Monate bereist und hatte dann 2011 / 12 nochmals die Gelegenheit, noch einmal dort zu leben und zu arbeiten, zwischen dt. und chinesischen "Partnern" vor dem Hintergrund der geplatzten chin. Immobilienblase zu vermitteln. Abgesehen davon, dass Projekt und Arbeitsort in Hangzhou, einer der schönsten Städte Chinas, vielleicht der Welt lagen: es ist schon sehr markant, wie viele wunderschöne Projekte aus der chinesischen Provinz in ebensolchem lokalen und traditionellen Kontext in letzter Zeit erscheinen. Dafür sei dem Baunetz hier nochmals explizit besonders gedankt.
@Robert: auch 1,4 Mrd. Menschen haben eine Seele. Und viele davon eine höchst differenziert individuell sich ausformulierende. Brandschutz, Baunormen und Totalitarismus-Debatten mal ganz außen vor.
Es geht immer um Menschen und die 4+ Wände, in denen sie sich bewegen. Nicht mehr, nicht weniger.
Ich finde es genau richtig mit Blick auf China die Normenfülle in Frage zu stellen - für mich etwas fundamental anderes als drauf zu sch***en - weil wir Tessin bestimmt können, aber es wirkt doch oft unnötig schwer dahin zu kommen.
Und nun zurück zur Architektur - danke!