Bundesasylzentrum in der Wendeschleife
Lopes Brenna im Tessin
Auf einer nationalen „Asylkonferenz“ hatte die Schweiz 2014 beschlossen, in jeder ihrer sieben Großregionen eigene „Bundesasylzentren“ einzurichten. Seit vergangenem Jahr verfügt auch das Tessin über eine solche Einrichtung. Um den Standort wurde heftig gerungen, bis ein Bahngelände in einem Gewerbegebiet zwischen Balerna und Novazzano gefunden war, unmittelbar an der Grenze zu Italien. Der Neubau steht nun auf einer vormaligen Restfläche innerhalb einer weiten Wendeschleife für den Zugverkehr. Den Ende 2018 vom Bundesamt für Bauten und Logistik durchgeführten Wettbewerb konnte das junge Büro Lopes Brenna Architetti (Chiasso) mit Filippo Bolognese (Como) gewinnen.
Die Bundesasylzentren haben die Aufgabe, Asylsuchende von der Einreise bis zur Entscheidung über ihren Antrag zu beherbergen und zu versorgen. Im Regelfall soll der Aufenthalt maximal 140 Tage andauern. In dieser Zeit dürfen die Menschen das Zentrum nur zeitlich begrenzt verlassen. Für die Anlagen bedeutet dies, dass sie eine Vielzahl räumlicher Angebote schaffen müssen, fast wie eine kleine Stadt. Etwa 350 Asylsuchende sollen pro Zentrum untergebracht werden können.
Eine delikate Bauaufgabe also. Es galt, alle notwendigen Untersuchungs- und Beratungsräume unterzubringen, dazu Gemeinschafts- und Schulungsräume, einen Speisesaal und getrennte Schlafräume für Männer, Frauen, Familien und unbegleitete Minderjährige. Bis zu zehn Bewohner*innen teilen sich einen Schlafsaal von 45 Quadratmetern.
Der Entwurf ist ein langes, schmales Gebäude, das sich neben einen bestehenden Altbau schiebt. Dieser nimmt die Büroräume des Asylzentrums auf. Zwischen den beiden Gebäuden liegt nun ein annähernd dreieckiger Platz, von dem alle Zugänge erreichbar sind. Ebenerdig befinden sich die Ankunfts- und Untersuchungsräume. Im zweiten und dritten Obergeschoss liegen jeweils mittig die Räume für Familien, zu den Stirnseiten die Schlafsäle für Männer oder Frauen. Aus Sicherheitsgründen können die Gruppen bei Bedarf durch abschließbare Tore an den Treppenhäusern voneinander getrennt werden.
Das erste Obergeschoss dient der Beschäftigung. Hier sind Werkstatt, Schulungsräume und Speisesaal samt Küche sowie weitere multifunktionale Zimmer angeordnet. Viele Bereiche sind auf räumliche Flexibilität ausgelegt. Dies gilt auch für die umzäunten Freiräume auf der Nordseite des Neubaus, zwischen Straße und Schienen.
Die Landschaftsgestaltung übernahm Giorgio Aeberli (Gordola). An der Westseite, wo der Gebäuderiegel an die Bahnlinie stößt, sind die spitz zulaufenden Etagen als große, gemeinschaftlich nutzbare Terrassen ausgebildet, die ebenfalls aus Sicherheitsgründen vollständig von Metallnetzen umschlossen sind. Insgesamt bietet der Neubau 7.390 Quadratmeter Bruttogrundfläche. (fh)
Fotos: Marco Cappelletti, Maurizio Fraquelli, Walter Mair
- Fertigstellung:
- 2024
- Architektur:
- Lopes Brenna Architetti
- Landschaftsarchitektur:
- Giorgio Aeberli
- Tragwerksplaner:
- Borlini & Zanini
- Mitarbeiter Brennes Lopa:
- Cristiana Lopes, Giacomo Brenna, Ela Zdebel, Simone Marmori, Verena Argenti, Michel Luppi, Stuart Porzi, Alessia Rapetti, Camilla Maitan
- Mitarbeiter Wettbewerb:
- Cristiana Lopes, Giacomo Brenna, Filippo Bolognese
- Bauherrschaft:
- UFCL Ufficio Federale delle costruzioni e della logistica, Resp.arch. Giovanni Bignasca
- Fläche:
- 7.390 m² Bruttogrundfläche
Stattdessen begegnet ihnen eine Architektur, die nichts von Wärme, Würde oder Empathie vermittelt. Vielleicht ist das kein Zufall. Vielleicht war dieses Bild sogar beabsichtigt als Ausdruck einer migrationspolitischen Haltung, die zwar rechtsstaatlich korrekt, aber menschlich kühl agiert. In Mitteleuropa überrascht eine solche ästhetische und emotionale Verarmung öffentlicher Bauten leider kaum noch. Sie steht sinnbildlich für eine Gesellschaft, die sich mit der bloßen Verwaltung von Notlagen begnügt, statt Räume zu schaffen, die auch Hoffnung zulassen. Wer ein Asylzentrum wie einen Hochsicherheitstrakt gestaltet, sät Misstrauen und Ausgrenzung nicht nur gegenüber den Bewohnerinnen und Bewohnern, sondern auch in der Gesellschaft, die daran vorbeifährt. Es wäre an der Zeit, Architektur wieder als Möglichkeit zu begreifen, Menschlichkeit sichtbar und spürbar zu machen.
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leider ist in CH die situation genau so! deswegen habe ich auch geschrieben dass ein wandanstrich einfacher wäre, weil man ständig "renovieren" muss und sichtbeton ungeeignet für die leider notwendige frequenz. und das ist KEINE politische diskussion sondern es geht um praktibilität. denn füe die ankommenden ist es besser wenn sie eben NICHT auch noch im heim die mutwilligen zerstörungen erleben müssen