Buchtipp: Kernkraftwerke
Potenziale eines unbequemen Erbes
In Deutschland ist seit ziemlich genau drei Jahren Schluss mit der Kernkraft. In der Schweiz hingegen laufen noch immer vier Reaktorblöcke, die rund ein Drittel des Energiebedarfs des Landes decken. Ein Kraftwerk wurde 2019 stillgelegt, weitere Abschaltungen sind vorhersehbar. Doch was passiert danach mit den gewaltigen Anlagen? Genau hier knüpft der Band Kernkraftwerke an, herausgegeben von Harald R. Stühlinger in der Reihe swissmonographies. Der Architektur- und Kunsthistoriker widmet sich dem Denkmalwert dieser Betongiganten und den Möglichkeiten ihrer Nach- oder Umnutzung.
Das Buch zeichnet die Bau- und Energiegeschichte der Schweizer Kernkraft nach und ordnet sie in ihre soziopolitischen Entstehungsbedingungen ein. Zwischen den 1960er- und 80er-Jahren entstanden entlang von Aare und Rhein fünf kommerzielle Kernkraftwerke – Beznau (mit zwei Blöcken), Mühleberg, Gösgen und Leibstadt. Während Mühleberg bereits vom Netz genommen ist, laufen die übrigen Anlagen weiter, Beznau I und II sollen in den kommenden Jahren abgeschaltet werden.
Dass die Kernenergie in der Schweiz seit jeher Gegenstand intensiver Verhandlungen ist, zeigt sich in zahlreichen Volksabstimmungen. Ein vollständiger Ausstieg fand lange keine Mehrheit, erst 2017 wurde der Neubau von Kraftwerken untersagt – bei gleichzeitigem Weiterbetrieb der bestehenden Anlagen, solange ihre Sicherheit gewährleistet ist.
Stühlingers Band wirkt visuell angenehm übersichtlich. Großformatige Fotografien von Innen- und Außenräumen, Poster und ausklappbare technische Zeichnungen dokumentieren die Anlagen als prägnante Artefakte der Industriemoderne. Eine kleine, fast ironische Geste: Der eigentlich weiße Einband leuchtet im Dunkeln giftig grün.
Der Umgang mit diesen Bauwerken ist hochgradig aufgeladen. Katastrophen wie der Reaktorunfall von Tschernobyl, der sich vor vierzig Jahren ereignete, wirken bis heute nach, ebenso die Angst vor technischen oder gezielten Störungen. Dem steht das Argument einer vergleichsweise klimafreundlichen Energieproduktion gegenüber. Doch auch nach dem Ende ihrer ursprünglichen Nutzung bleiben die Anlagen umstritten. Der Band versammelt Stimmen, die Kernkraftwerke als Teil der Baukultur begreifen und ihnen Denkmalwert zuschreiben. Entsprechend werden Transformationsszenarien von Mahnmalen über Kulturorte bis hin zu Sportanlagen diskutiert.
Dem Abriss steht dabei nicht nur die baukulturelle Argumentation entgegen, sondern auch die enorme Menge an kontaminiertem Material, die anfallen würde. Gleichzeitig bleibt jede Form der Umnutzung ein schwieriges Unterfangen – rechtlich, wirtschaftlich und nicht zuletzt gesellschaftlich. Ob sich dafür die notwendige Akzeptanz finden lässt, ist fraglich, insbesondere in der direktdemokratischen Schweiz. Der Band liefert keine konkreten Antworten, sondern öffnet vielmehr einen Denkraum für die Auseinandersetzung mit Bauwerken, die sich als Teil der Energiegeschichte nicht einfach erledigen lassen.
Text: Gertje Koslik
Kernkraftwerke
Harald R. Stühlinger (Hg.)
208 Seiten
Deutsch/Englisch
Christoph Merian Verlag, Basel 2026
ISBN 978-3-03969-048-0
39 Euro
2022 setzte sich die Publikation Nach der Kernkraft im Rahmen eines Entwurfs- und Forschungsprojektes mit der Nachnutzung von Kernkraftwerken in Deutschland auseinander. Mehr dazu bei BauNetz Campus.





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