Buchtipp: Mörserschale Megacity
Seoul Urban Architecture
Während New York das klassische Beispiel eines Melting Pots abgibt, in dem verschiedene Bestandteile zu einem Ganzen verschmolzen sind, gleicht Seoul einem Crushing Bowl, das heißt einer Mörserschale, in der alles zerrieben wird – so die These von Architekthistoriker Sung Hong Kim, der seit mehr als 40 Jahren in der der südkoreanischen Hauptstadt lebt. In seinem Buch Seoul Urban Architecture. Rising from the Crushing Bowl zeichnet er ihre städtebauliche und architektonische Entwicklung nach. In Form einer kulturgeschichtlichen Stadtanalyse will er dabei der Frage nachgehen, wie sich inmitten von Zwängen und Widersprüchen Sinn und Handlungsfähigkeit finden lassen.
Ein besonderer Fokus liegt dabei auf den letzten hundert Jahren, in denen Seoul wie ganz Korea brutalen Kräften ausgesetzt war. Sie reichten von der Kolonialisierung durch Japan über Zweiten Weltkrieg, Teilung und Koreakrieg bis zu Militärdiktatur und anschließendem „Raubtierkapitalismus“ in Südkorea. Letzterer katapultierte das Land seit den 1960er Jahren von einer der ärmsten Regionen der Welt in die Riege der modernsten und größten Volkswirtschaften, sorgte aber auch für ausgeprägte soziale Ungleichheit und extremen Leistungsdruck – der aktuell in den Kinos laufende Film „No other choice“ setzt dies drastisch ins Bild.
Kim, der übrigens den südkoreanischen Pavillon für die Venedig-Biennale 2016 kuratierte, legt in seiner Publikation dar, wie sich die turbulente jüngere Geschichte des Landes im Erscheinungsbild seiner Hauptstadt widerspiegelt. Anfang des 20. Jahrhunderts prägten noch traditionelle Hanok-Häuser das Stadtbild. Heute ist Seoul eine disparat wirkende, raumgreifende Megacity aus anonymen Wohntürmen, spektakulären Geschäftshochhäusern, verwinkelten niedriggeschossigen Vierteln, alten Palästen und buddhistischen Tempeln. Ihre Zusammensetzung gleicht dem Pulver in einer Mörserschale: die unterschiedlichen Körner zwar aufgebrochen, fragmentiert und wild durchmischt, aber noch stets als solche zu erkennen.
Das Buch ist in vier Kapitel unterteilt. Teil eins berichtet über die Stadtgeschichte vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert und über topografische Bedingungen. In Teil zwei widmet sich der Autor der Stadtplanung der Nachkriegszeit, erzählt unter anderem von der Neuaufteilung des Bodens, über das Wohnungsbauprogramm „Five Million House Plan“ und die rasterförmige Urbanisierung auf der Südseite des Han-Flusses, die auf Koreanisch Gangnam heißt. Der gleichnamige Stadtbezirk ist für den hier besonders gepflegten materialistischen Lifestyle einer neureichen Oberschicht bekannt, auf den auch der K-Pop-Hit „Gangnam Style“ aus dem Jahr 2012 anspielt.
In Teil drei geht es um die Suche nach einer architektonischen Identität zwischen konfuzianisch geprägter, naturzentrierter Tradition und westlichem Modernismus. Kim stellt die Entwicklung einer neuen koreanischen Architektur seit den 1950ern über vier Architekt*innengenerationen hinweg dar. Im letzten Kapitel greift er Besonderheiten der Stadtlandschaft auf, beispielsweise die unzähligen Einzelhandels- und Dienstleistungskomplexe: Während oben eine christliche Gemeinde betet, amüsiert man sich im Untergeschoss feuchtfröhlich in Separees, dazwischen kann eingekauft, Wäsche gewaschen, Elektronik repariert oder medizinische Hilfe beansprucht werden. Die soziokulturelle Energie dieser Orte zeigt sich am Beispiel der in den 1960er Jahren erbauten, ikonischen Sewoon Plaza, die unter dem Druck der Öffentlichkeit als „Makercity Sewoon“ reaktiviert statt abgerissen wurde.
Die Publikation schließt mit einem Appendix, in dem Kim anhand von 13 kompakt präsentierten Projekten der jüngsten, nach 1970 geborenen Architekt*innengeneration illustriert, wie in der Mörserschale Seoul Experimentierfreude, Vitalität und Resilienz gedeihen.
Text: Diana Artus
Seoul Urban Architecture. Rising from the Crushing Bowl
Sung Hong Kim
Englisch
336 Seiten
Park Books, Zürich 2026
ISBN 978-3-03860-466-2
48 Euro
Bauwerke in Seoul gibt es hier, hier und hier bei BauNetz Wissen.