Statische Akrobatik
Urbane Sportanlage in Vincennes von FORME
Hier hat man sich konstruktiv nicht lumpen lassen. Über gerade mal zwei Geschosse verfügt das Bauwerk in Vincennes im Großraum Paris. Dafür aber bietet es Beton, Stahl und Holz, eine Auskragung über zweieinhalb mal vier Meter und eine fast sechs Meter hohe Konstruktion. Diese statische Akrobatik passt recht gut zur Bauaufgabe. FORME Architecture + Urbanism (Paris) entwarfen eine gestapelte Sportanlage in einer Sackgasse direkt an der Bahnlinie Richtung Paris. Ursprünglich war hier eine Fußgängerbrücke geplant, die allerdings nie umgesetzt wurde. Nun gehört das Grundstück zu einem umfassenden Projekt der Reaktivierung ehemaliger Bahngelände unter Leitung des Kommunalverbands PEMB Marnes et Bois.
Etwas brückenhaft wirkt das fertiggestellte Gebäude dennoch. Um Raum für die akrobatischen Sportarten Skaten und BMX zu schaffen, entwarfen die Architekt*innen auf der bislang als Parkplatz genutzten Restfläche zwischen einem Hallenbad, einem Budgethotel und einem Bürobau einen Betonparcours inklusive Halfpipe und Bowl. Diese um anderthalb Meter tiefergelegte Skateschüssel befindet sich unterhalb eines Sportkäfigs, der wiederum drei Meter über dem Straßenniveau thront. So erscheint die Skateanlage höhlenartig verborgen – klar: Underground – und der Platz für die populären Sportarten Fußball und Basketball etwas überhöht.
Der Käfig – wie es im Jargon des Straßenfußballs heißt – kragt über die Grundstücksgrenze aus und schafft so einen Vorplatz. Autos könnten hier also nach wie vor parken. Der Eingang, den man unter einer solchen architektonischen Geste vermuten würde, liegt ein paar Schritte weiter an der Längsseite. Hinauf führt eine lange Rampe, die den Skatepark umrundet und sich teils mit diesem verbindet. Das ermöglicht auch eine barrierefreie Erschließung des Sportplatzes.
Um die weite Auskragung statisch abzufangen und das Erdgeschoss weitestgehend stützenfrei zu halten, habe man einen hybriden Vierendeelträger verwendet, schreiben FORME. Der Untergurt besteht aus Beton, der Obergurt aus Holz. Um Material zu sparen, entwickelten die Architekt*innen gemeinsam mit den Statiker*innen von KAIRN (Paris) aber eine V-Form statt der typisch rechtwinkligen Struktur von Vierendeelträgern. Gleichzeitig entstehe dadurch ein Gerüst für die Ballfangnetze – und ausreichend Höhe für verfehlte Würfe oder Schüsse.
Einen Teil des Grundstücks ließen die Architekt*innen frei, um dort einen „Regengarten“ mit integriertem Rückhaltebecken anzulegen. So wollen sie zur Regulierung des Mikroklimas in der ansonsten recht versiegelten Sackgasse beitragen. Eine Bereicherung ist der Skatepark et city-stade Alice Milliat für diese – ebenso wie für eine nahegelegene Schule – allemal. (mh)
- Architektur:
- FORME Architecture + Urbanisme
- Projektleitung:
- Clément Maitre, Robinson Neuville, Florianne Marquer
- Landschaftsarchitektur:
- Atelier 360
- Statik:
- KAIRN
- Bauherrschaft:
- PEMB Marnes et Bois
- Fläche:
- 1.000 m² Fläche
- Baukosten:
- 1.500.000 € Baukosten
Benannt ist die Anlage übrigens nach der französischen Schwimmerin, Hockeyspielerin und Ruderin Alice Milliat. Diese hatte unter anderem den Internationalen Frauensportverband FSFI gründet und 1921 die ersten Frauen-Weltspiele in Vincennes organisiert, bevor Frauenwettkämpfe bei Olympia aufgenommen wurden.









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