Blaue Funken am Rosenmontag
Vereinsheim in Köln von Anderhalten Architekten
Im Rheinland liest heute vermutlich keiner diese Meldung, doch wir bringen sie trotzdem – in der großen Hoffnung, dass alle Interessierten zur Wochenmitte langsam wieder in der Lage sind, sich mit Architektur zu beschäftigen. Denn es passt einfach viel zu gut, dass das Berliner Büro Anderhalten Architekten letzte Woche seinen Entlastungsbau am Sachsenturm in Köln veröffentlichte. Hinter dem technischen Namen verbirgt sich nämlich nichts Geringeres als das Vereinsheim der Blauen Funken – einem der neun Traditionskorps des Kölner Karnevals.
Seit den späten 1960er Jahren sind die Blauen Funken eng mit dem Sachsenturm verbunden. Damals begannen sie, den ruinösen Turm der mittelalterlichen Befestigungsanlagen zu sanieren und wiederherzustellen, um ihn als Vereinsheim zu nutzen. Seit 1991 steht der Turm, der im Kern auf das 12. Jahrhundert zurückgeht, unter Denkmalschutz. Da die Mitgliederzahlen des Vereins in den letzten Jahrzehnten stark stiegen, wurde 2014 ein Wettbewerb für einen Erweiterungsbau ausgelobt, der sich an der Wehrmauer orientieren sollte, die es einst an dieser Stelle gab.
Das Ziel des Entlastungsbaus ist in erster Linie, zusätzlichen Platz und Barrierefreiheit zu schaffen. Im Erdgeschoss des Neubaus findet man einen Saal für 80 Personen, darüber liegt der doppelgeschossige Saal für 300 Personen. Eine Küche, Räume der Geschäftsstelle sowie Sanitäranlagen runden das Raumprogramm ab. Durch den Aufzug im Neubau ist nun auch der Bestand barrierefrei erschlossen.
Auffälliges städtebauliches Merkmal der Erweiterung ist der große, bogenförmige Durchgang, der den Blaue-Funken-Weg als öffentlichen Raum erhält. Das Bogenmotiv taucht auch am und im kleinen Saal im Erdgeschoss auf. Markant ist die gold eloxierte Auskragung am großen Saal im ersten und zweiten Obergeschoss, die als Referenz an das Bauen im Mittelalter verstanden werden kann. Die Perforation der Aluminiumhülle zeichnet einen historischen Kölner Stadtplan nach.
Konstruktiv wurde mit Stahlbeton gearbeitet. Die Architekt*innen betonen, dass sie gerne Tuffstein als Fassadenmaterial verwendet hätten, um auf der materiellen Ebene einen Bezug zum mittelalterlichen Bauen in der Stadt herzustellen. Zum Einsatz kam jedoch letztlich Sichtbeton mit Tuffzugabe.
Auch die ungewöhnlichen „Brocken“ an der straßenabgewandten Südwestfassade sind als Reminiszenz an das mittelalterliche Bauen zu verstehen, wie der Blick auf die Basaltsteine am Bestandsbau deutlich macht. Im Inneren des Saals zeigen sich diese Elemente als blau ausleuchtbare Glasbausteine. Auch hier hatten die Architekt*innen ursprünglich eine andere Idee. Sie hätten die Elemente lieber als transparente „Glasaugen“ realisiert, was nicht nur direkte Ausblicke erlaubt, sondern bei abendlichen Veranstaltungen das Haus dezent hätte erstrahlen lassen. (gh)
- Fertigstellung:
- September 2024
- Architektur (LP 1–5):
- Anderhalten Architekten
- Tragwerksplanung:
- ifb Ingenieure
- Ausführung:
- Jakowetz Baumanagement Projektsteuerung
- Bauherrschaft:
- Kölner Funken Artillerie blau weiß von 1870 e.V. vertreten durch den Bauverein Sachsenturm e.V.
- Fläche:
- 450 m² Bruttogrundfläche
- Baukosten:
- 3.700.000 € brutto (KG 200–500) Kostenberechnung Anderhalten Architekten