Kritische Leidenschaft für die Stadt
Zum 80. Geburtstag von Harald Bodenschatz
Kritische Leidenschaft für die Stadt
Zum 80. Geburtstag von Harald Bodenschatz
Harald Bodenschatz hat wegweisende Publikationen zu Berlin verfasst, den Städtebau der faschistischen Regime aufgearbeitet und Generationen von Studierenden zum kritischen Denken angestiftet. Er zählt zu den profiliertesten Stimmen in den Debatten um Geschichte, Gegenwart und Zukunft Berlins. Gestern hat er seinen 80. Geburtstag gefeiert.
Gestern Abend hat Harald Bodenschatz seinen 80. Geburtstag gefeiert. Im Veranstaltungssaal ganz oben in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen – mit weitem Blick über die Stadt Berlin, zu der er seit Jahrzehnten auf produktivste Art und Weise arbeitet. Zehn Verbände hatten zum Festakt geladen: vom Architekten- und Ingenieurverein zu Berlin-Brandenburg AIV (dem Bodenschatz seit Jahrzehnten eng verbunden ist) über den BDA Berlin bis zur Hermann-Henselmann-Stiftung. Allein das macht deutlich, welche Wertschätzung seine fachkundigen Urteile zur Geschichte und Zukunft Berlins und die vielen schwergewichtigen Publikationen zur europäischen Städtebaugeschichte genießen.
Geboren wurde Bodenschatz in München, was man ihm bis heute deutlich anhört. Doch jenseits des konziliant-weichen Tonfalls seiner Stimme ist Bodenschatz ein genuiner Berliner, inklusive seiner Einwanderungsgeschichte aus Bayern. Er ist ein 68er reinsten Wassers, was man bereits an seiner Studienfachwahl ablesen kann: Soziologie, Politikwissenschaft, Psychologie und Volkswirtschaft, erst an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, dann an der Freien Universität in Berlin, die aus der Sicht vieler Westdeutscher damals blankweg kommunistisch war. Nach dem Studium begann er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der RWTH Aachen und der TU Berlin. Es folgte die Dissertation Städtische Bodenreform in Italien an der damals nun wirklich hyperlinken Uni Oldenburg über die Kommunalplanung des seit Jahrzehnten von Kommunisten regierten Bologna.
Platz frei für das neue Berlin!
Mit dem Blick auf Bologna und die in den 1970ern international gefeierte Rettung der Altstadt begann für Bodenschatz die Auseinandersetzung darüber, warum in Italien Stadterneuerung nicht materielle, kulturelle und soziale Stadtzerstörung bedeutete – also ganz anders als in Deutschland Ost wie West. Platz frei für das neue Berlin! Geschichte der Stadterneuerung seit 1871 heißt seine Habilitationsschrift aus dem Jahr 1986, die bis heute unbedingt lesenswert ist. Es ist kein freundliches Buch über die Modernisten und ihren Hass auf die Kaiserzeit, aber insbesondere vor dem Hintergrund der Erfolge Hardt-Walther Hämers bei der Revitalisierung von Altbauten im Rahmen der Berliner IBA 87 durchaus optimistisch. Damit unterscheidet es sich klar von Wolf Jobst Siedlers zwanzig Jahre älterem Buch Die gemordete Stadt – diesem zutiefst kulturpessimistisch-fatalistischen „Abgesang“ auf die verlorenen Schönheiten Berlins.
Kulturpessimismus ist wahrlich nicht Bodenschatz’ Ding. Seine Leidenschaft für den kritischen, aber nach vorne gewandten Blick auf das Seiende und Gewesene hat er seit 1995 wohl Tausenden Architekturstudierenden an der TU Berlin mitgegeben – unter anderem dem Autor dieser Zeilen. Worum es im Detail ging, ist längst vergessen, nicht aber das Engagement, die Dynamik, auch die Herausforderung, nicht nur zu lesen, sondern auch Position zum Gelesenen zu beziehen.
Bodenschatz ist nie in der Theorie geblieben. Seit Jahrzehnten engagiert er sich als Redakteur, Autor schier unzähliger Artikel (auch in Tages- und Wochenzeitungen), in Interviews und als Verfasser vieler, durchweg hervorragend lesbarer und illustrierter Bücher. Dabei fehlt ihm der für viele Linke typische Theorieballast vollständig. Was er jedoch teilt, ist eine charakteristische Skepsis gegenüber der stadtpolitischen Wirkungskraft von kulturellen Institutionen wie Museen oder Konzerthäusern – sie tauchen bemerkenswert selten in seinen Büchern auf. Aber angesichts der Breite seiner Forschungen ist das marginal.
Europäische Städtebaugeschichte
Denn mit seiner Lust am geschriebenen und gesprochenen Wort formte und formt er nicht nur die Stadtplanungs- und Architekturdebatten, sondern auch die architekturhistorische und -soziologische Forschung weit über Berlin hinaus teilweise ganz neu. Vor allem das Riesenprojekt der mit Max Welch Guerra und Christiane Post herausgegebenen Untersuchungen zum Städtebau der faschistischen Regime in Deutschland, Italien, Spanien und Portugal, des Stalinismus sowie des Weiterwirkens der Altstadtsanierungen der 1930er Jahre bis heute wird wohl noch auf Jahrzehnte hinaus Wirkung entfalten. 1995 erhielten er und seine Mitherausgeber*innen den Londoner Architecture Book Award für Urban Planning in Nazi Germany, das zeigt, wie „modern“ viele Planungen in der Nazizeit waren, wie sehr sie weiterwirkten, wie Architekten und Planerinnen bereit waren, auch bei fürchterlichsten Projekten mitzuarbeiten.
Wie so viele 68er – den ehemaligen Berliner Senatsbaudirektor Hans Stimmann könnte man beispielsweise nennen – fand auch Bodenschatz im Lauf der Zeit einen neuen, positiven, oft durchaus idealisierenden Blick auf die liberale, kapitalistische Stadtplanung, den Wohnungsbau und die Architektur der Kaiserzeit. Das resultierte in Projekten wie Unvollendete Metropole oder immer modern! Berlin und seine Straßen, das als Ausstellung über Monate die Straße Unter den Linden belebte. Auch hier ging es immer um den neuen Blick auf das Bekannte und um die Debatte. Man kann herrlich mit Bodenschatz fechten – und das hoffentlich noch viele Jahre. Herzlichen Glückwunsch zum runden Geburtstag!
Geboren wurde Bodenschatz in München, was man ihm bis heute deutlich anhört. Doch jenseits des konziliant-weichen Tonfalls seiner Stimme ist Bodenschatz ein genuiner Berliner, inklusive seiner Einwanderungsgeschichte aus Bayern. Er ist ein 68er reinsten Wassers, was man bereits an seiner Studienfachwahl ablesen kann: Soziologie, Politikwissenschaft, Psychologie und Volkswirtschaft, erst an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, dann an der Freien Universität in Berlin, die aus der Sicht vieler Westdeutscher damals blankweg kommunistisch war. Nach dem Studium begann er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der RWTH Aachen und der TU Berlin. Es folgte die Dissertation Städtische Bodenreform in Italien an der damals nun wirklich hyperlinken Uni Oldenburg über die Kommunalplanung des seit Jahrzehnten von Kommunisten regierten Bologna.
Platz frei für das neue Berlin!
Mit dem Blick auf Bologna und die in den 1970ern international gefeierte Rettung der Altstadt begann für Bodenschatz die Auseinandersetzung darüber, warum in Italien Stadterneuerung nicht materielle, kulturelle und soziale Stadtzerstörung bedeutete – also ganz anders als in Deutschland Ost wie West. Platz frei für das neue Berlin! Geschichte der Stadterneuerung seit 1871 heißt seine Habilitationsschrift aus dem Jahr 1986, die bis heute unbedingt lesenswert ist. Es ist kein freundliches Buch über die Modernisten und ihren Hass auf die Kaiserzeit, aber insbesondere vor dem Hintergrund der Erfolge Hardt-Walther Hämers bei der Revitalisierung von Altbauten im Rahmen der Berliner IBA 87 durchaus optimistisch. Damit unterscheidet es sich klar von Wolf Jobst Siedlers zwanzig Jahre älterem Buch Die gemordete Stadt – diesem zutiefst kulturpessimistisch-fatalistischen „Abgesang“ auf die verlorenen Schönheiten Berlins.
Kulturpessimismus ist wahrlich nicht Bodenschatz’ Ding. Seine Leidenschaft für den kritischen, aber nach vorne gewandten Blick auf das Seiende und Gewesene hat er seit 1995 wohl Tausenden Architekturstudierenden an der TU Berlin mitgegeben – unter anderem dem Autor dieser Zeilen. Worum es im Detail ging, ist längst vergessen, nicht aber das Engagement, die Dynamik, auch die Herausforderung, nicht nur zu lesen, sondern auch Position zum Gelesenen zu beziehen.
Bodenschatz ist nie in der Theorie geblieben. Seit Jahrzehnten engagiert er sich als Redakteur, Autor schier unzähliger Artikel (auch in Tages- und Wochenzeitungen), in Interviews und als Verfasser vieler, durchweg hervorragend lesbarer und illustrierter Bücher. Dabei fehlt ihm der für viele Linke typische Theorieballast vollständig. Was er jedoch teilt, ist eine charakteristische Skepsis gegenüber der stadtpolitischen Wirkungskraft von kulturellen Institutionen wie Museen oder Konzerthäusern – sie tauchen bemerkenswert selten in seinen Büchern auf. Aber angesichts der Breite seiner Forschungen ist das marginal.
Europäische Städtebaugeschichte
Denn mit seiner Lust am geschriebenen und gesprochenen Wort formte und formt er nicht nur die Stadtplanungs- und Architekturdebatten, sondern auch die architekturhistorische und -soziologische Forschung weit über Berlin hinaus teilweise ganz neu. Vor allem das Riesenprojekt der mit Max Welch Guerra und Christiane Post herausgegebenen Untersuchungen zum Städtebau der faschistischen Regime in Deutschland, Italien, Spanien und Portugal, des Stalinismus sowie des Weiterwirkens der Altstadtsanierungen der 1930er Jahre bis heute wird wohl noch auf Jahrzehnte hinaus Wirkung entfalten. 1995 erhielten er und seine Mitherausgeber*innen den Londoner Architecture Book Award für Urban Planning in Nazi Germany, das zeigt, wie „modern“ viele Planungen in der Nazizeit waren, wie sehr sie weiterwirkten, wie Architekten und Planerinnen bereit waren, auch bei fürchterlichsten Projekten mitzuarbeiten.
Wie so viele 68er – den ehemaligen Berliner Senatsbaudirektor Hans Stimmann könnte man beispielsweise nennen – fand auch Bodenschatz im Lauf der Zeit einen neuen, positiven, oft durchaus idealisierenden Blick auf die liberale, kapitalistische Stadtplanung, den Wohnungsbau und die Architektur der Kaiserzeit. Das resultierte in Projekten wie Unvollendete Metropole oder immer modern! Berlin und seine Straßen, das als Ausstellung über Monate die Straße Unter den Linden belebte. Auch hier ging es immer um den neuen Blick auf das Bekannte und um die Debatte. Man kann herrlich mit Bodenschatz fechten – und das hoffentlich noch viele Jahre. Herzlichen Glückwunsch zum runden Geburtstag!
Zum Thema
Zum runden Geburtstag ist die Festschrift Städtebau in Gesellschaft beim Lukas Verlag erschienen. Sie wurde von Tobias Nöfer und Max Welch Guerra herausgegeben, bietet auf 157 Seiten insgesamt 46 Beiträge und kostet 25 Euro.
Bücher von Harald Bodenschatz
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