Prozessbeobachtung im Wärmekraftwerk
Zum UIA-Kongress in Barcelona
Fünf Tage lang wurde Architektur auf globaler Ebene verhandelt: Zum UIA-Kongress 2026 kamen vom 27. Juni bis 2. Juli Architekt*innen aus aller Welt nach Barcelona. Unter dem Titel „Becoming: Architectures for a Planet in Transition“ ging es dieses Mal um Prozesse und weniger um Zustände.
Positionen zwischen Krise und Kanon
Mit Gästen aus 130 Ländern bot der Kongress einen Querschnitt des Architekturgeschehens dar. Neben „emerging“ Stimmen wie Parabase, Nzinga Biegueng Mboup oder Studio NEiDA traten Pritzker-Preisträger Jean-Philippe Vassal, Smiljan Radić und Shigeru Ban auf. Ban eröffnete seinen Beitrag mit der Beobachtung, dass bei Naturkatastrophen oft die schlechte Qualität der Architektur Menschenleben kostet – angesichts des verheerenden Erdbebens in Venezuela ein akutes Thema. Neben den Notunterkünften aus Papier, die er in Krisengebieten gemeinsam mit Studierenden aufbaut, präsentierte er allerdings auch seine ikonischen Bauten – unkritisch. Eine Architektur als fertiger Zustand, für die ein Großteil des heutigen Publikums wenig Empathie aufbringt.
Forschung als Praxis
Forschung hatte auf dem Kongress einen hohen Stellenwert inne. Das kuratorische Team vergab bereits ein Jahr zuvor Stipendien an zwölf Teams für spekulative Research-by-Design-Projekte zu den sechs Unterthemen. Ein wissenschaftlicher Ausschuss prüfte die akademische Relevanz. Zwölf weitere Teams betreuten den internationalen Studierendenworkshop „A Wicked Laboratory“, darunter TEN Studio, Common Accounts, Mio Tsuneyama und Fuminori Nousaku oder Bangkok Tokyo Architecture. Ausgestellt im postindustriellen Setting des ehemaligen Wärmekraftwerks „Tres Chimeneas“ ergänzten diese Beiträge das Programm um eine praxisnahe Ebene.
Tanzen Techno-Fans weiter, wenn sie alt werden? Diese Frage beantworteten das Forschungsteam Care der ETH Zürich, MAIO und Pol Esteve Castelló mit der interaktiven Installation „Public Pleasures“. Sie öffnet über barrierefreie Räume das sinnliche Erlebnis des Tanzes. TAKK und Eva Franch i Gilabert übersetzten mit „Manifesto for Sedimentary Futures“ einen kritischen Zustand in eine Raumskulptur. Die Installation inszeniert, wie Dammstrukturen und extraktive Praktiken das fragile Ökosystem eines Deltas angreifen.
Architekturmetamorphose
Wer vom diesjährigen Kongress bahnbrechende Innovationen erwartete, wurde womöglich enttäuscht. Darum aber ging es nicht. In einer heterogenen Planungslandschaft und unsicheren Zeit bestand der Anspruch darin, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Der Titel selbst gibt die Dynamik vor: „Becoming“ – ein Verb – impliziert Handlung: Fragen stellen, Prozesse anstoßen, aus Fehlern lernen.
Die Architektur selbst durchläuft einen Lernprozess – mit dem Bewusstsein für die Verantwortung einer Disziplin, deren Auswirkungen überwältigend sein können. Trotzdem blieb der Kongress vor allem eines: optimistisch. Unter den rund 10.000 Teilnehmer*innen bildete sich ein gemeinsames Verständnis dessen, was „Becoming“ bedeuten kann.
Der UIA-Kongress findet alle drei Jahre in einer anderen Stadt statt – 2029 in Peking. Vorläufig bleibt jedoch Barcelona im Fokus: In der UNESCO-UIA-Weltarchitekturhauptstadt 2026 laufen dieses Jahr über 1.500 architekturbezogene Veranstaltungen.
Dieser Beitrag erschien zuerst auf BauNetz CAMPUS. Die Hochschulplattform war Medienpartner des UIA-Kongresses.