Wiederbelebung eines Baujuwels
Zur Generalsanierung der Villa Beer in Wien
Wiederbelebung eines Baujuwels
Zur Generalsanierung der Villa Beer in Wien
Die Revitalisierung der denkmalgeschützten Villa Beer von Josef Frank und Oskar Wlach ging mit einem 1.000-seitigen Restaurierungsbefund einher. Wien ist damit um eine atemberaubende Ikone der Moderne reicher. Am 8. März öffnet sie die Türen.
Im Oktober 1929 beginnen Josef Frank und Oskar Wlach mit einem Bau in Wien-Hietzing überraschenderweise ohne Einreichplan und ohne Baubewilligung. Wenige Wochen später, als die Fundamente längst ausgehoben und betoniert sind, steht die Baupolizei auf dem Grundstück in der Wiener Wenzgasse und verhängt einen Baustopp. In kürzester Zeit wird ein behördlicher Plan eingereicht. Im August 1930 schließlich, nur einen Monat vor Einzug der Familie Beer, hinterlegen die beiden Architekten auf der Behörde einen Austauschplan mit durchaus markanten Änderungen im Entwurf.
„Die Geschichte der Villa Beer, die ohne jeden Zweifel zu den Ikonen der Wiener Moderne zählt, liest sich wie ein High-Speed-Krimi“, sagt Architekt Christian Prasser vom Wiener Büro CP Architektur, das mit der Sanierung des 650 Quadratmeter großen Einfamilienhauses beauftragt wurde. „In nicht einmal zwölf Monaten Bauzeit entstand damals – unter zum Teil skurrilen Umständen – eine Villa mit einem unglaublichen Ausmaß an Liebe zum Detail, technischer Perfektion und innovativem, wagemutigem Materialeinsatz. Was mich am meisten fasziniert: Vieles wie die diagonale Raumflucht oder die Setzung der Türen dürfte Josef Frank damals direkt auf der Baustelle entworfen und aus dem Bauch heraus entschieden haben, denn der gebaute Zustand der Villa entspricht weder dem Einreich- noch dem Auswechslungsplan.“
„Die Geschichte der Villa Beer, die ohne jeden Zweifel zu den Ikonen der Wiener Moderne zählt, liest sich wie ein High-Speed-Krimi“, sagt Architekt Christian Prasser vom Wiener Büro CP Architektur, das mit der Sanierung des 650 Quadratmeter großen Einfamilienhauses beauftragt wurde. „In nicht einmal zwölf Monaten Bauzeit entstand damals – unter zum Teil skurrilen Umständen – eine Villa mit einem unglaublichen Ausmaß an Liebe zum Detail, technischer Perfektion und innovativem, wagemutigem Materialeinsatz. Was mich am meisten fasziniert: Vieles wie die diagonale Raumflucht oder die Setzung der Türen dürfte Josef Frank damals direkt auf der Baustelle entworfen und aus dem Bauch heraus entschieden haben, denn der gebaute Zustand der Villa entspricht weder dem Einreich- noch dem Auswechslungsplan.“
In nicht einmal zwölf Monaten Bauzeit entstand damals eine Villa mit einem unglaublichen Ausmaß an Liebe zum Detail, technischer Perfektion und innovativem, wagemutigem Materialeinsatz.Christian Prasser
Aus der Entstehungszeit, so Prasser, sei relativ wenig erhalten, kaum Texte, immerhin Franks Essay „Wege und Plätze“, wenige Briefwechsel nur, längst überholtes Planmaterial, aber dafür spreche das Haus umso deutlicher: „Auch wenn in den letzten Jahrzehnten einige Umbauten vorgenommen wurden, auch wenn in technischer Hinsicht einiges im Argen lag, so haben wir es hier mit einem Bau zu tun, der immer noch mehr als 90 Prozent Originalsubstanz aufweist. Das ist unglaublich!“ Ein tausendseitiger restauratorischer Befund, Grundlage für die Zusammenarbeit mit dem Bundesdenkmalamt, liefert den Beweis.
Holzboden, Putzflächen, Steinbänke, Gummipuffer, Fensterkurbeln, Türbeschläge, Scherengitter, Sofabezüge, Wandleuchten, Holzvertäfelungen, Terrassenkacheln, Badezimmerfliesen oder der grüne Gummiboden sind zwar zum Teil mit Rissen, Brüchen und Brandflecken übersät, die sich in der Chronik des Hauses rekonstruieren lassen, aber immer noch im Originalzustand.
Holzboden, Putzflächen, Steinbänke, Gummipuffer, Fensterkurbeln, Türbeschläge, Scherengitter, Sofabezüge, Wandleuchten, Holzvertäfelungen, Terrassenkacheln, Badezimmerfliesen oder der grüne Gummiboden sind zwar zum Teil mit Rissen, Brüchen und Brandflecken übersät, die sich in der Chronik des Hauses rekonstruieren lassen, aber immer noch im Originalzustand.
Der grüne Semperit-Gummiboden, eine damalige Sensation im Wohnbau, hängt mit der Handelstätigkeit und gesellschaftlichen Beteiligung des jüdischen Bauherrn Julius Beer zusammen. Sozial-baukulturell-wirtschaftliche Analogien wie diese wird man im Hause des Öfteren finden. Wo die Originalsubstanz in ihrer Anzahl nicht ausreichte, etwa bei den Wandleuchten oder den vielen, raumprägenden Einbaumöbeln, entwickelt man aus dem Original eine historische, aber den heutigen Anforderungen entsprechende Replik.
Nirgendwo zeigt sich dies besser als bei den 170 rekonstruierten Lichtschaltern. Die wenigen Bakelit-Originalschalter wurden gescannt, aus schwarzem Kunststoff nachgedruckt, mit schräg abgefasten Glasplatten versehen und vor hochmoderne BUS-Technik mit Schwachstromverkabelung geklemmt. „Die historischen Leerverrohrungen sind für heutige mehrpolige Kabelquerschnitte viel zu schlank bemessen“, Prasser. „Wenn wir die Elektrik hätten rausreißen müssen, hätte das der Bausubstanz und den originalen Kalkputzen nicht gut getan.“
Der ganze archäologische Wahnsinn dieser Revitalisierung wäre nicht möglich gewesen ohne einen wahnsinnigen, visionären Bauherrn. Seit 2022 befindet sich die Villa Beer in Besitz von Lothar Trierenberg, der in der Papierindustrie tätig ist und eine Liebe für die Moderne hegt. Für die Sanierung des Jahrhundertprojekts (Projektkosten 10 Millionen Euro) gründete er die Villa Beer Foundation, für die Auswahl des Architekten, die Herangehensweise an die Sanierung und Fragen zur Nachnutzung rief er sogar einen Beirat ins Leben.
Nirgendwo zeigt sich dies besser als bei den 170 rekonstruierten Lichtschaltern. Die wenigen Bakelit-Originalschalter wurden gescannt, aus schwarzem Kunststoff nachgedruckt, mit schräg abgefasten Glasplatten versehen und vor hochmoderne BUS-Technik mit Schwachstromverkabelung geklemmt. „Die historischen Leerverrohrungen sind für heutige mehrpolige Kabelquerschnitte viel zu schlank bemessen“, Prasser. „Wenn wir die Elektrik hätten rausreißen müssen, hätte das der Bausubstanz und den originalen Kalkputzen nicht gut getan.“
Der ganze archäologische Wahnsinn dieser Revitalisierung wäre nicht möglich gewesen ohne einen wahnsinnigen, visionären Bauherrn. Seit 2022 befindet sich die Villa Beer in Besitz von Lothar Trierenberg, der in der Papierindustrie tätig ist und eine Liebe für die Moderne hegt. Für die Sanierung des Jahrhundertprojekts (Projektkosten 10 Millionen Euro) gründete er die Villa Beer Foundation, für die Auswahl des Architekten, die Herangehensweise an die Sanierung und Fragen zur Nachnutzung rief er sogar einen Beirat ins Leben.
Es war relativ rasch klar, dass wir die Villa Beer nach der Sanierung nicht auf den privaten Immobilienmarkt zurückbringen werden, sondern dass wir sie einem breiten Publikum zugänglich machen möchten.Lothar Trierenberg
„Die eleganten Proportionen, die schlanken Balkonplatten, die riesengroßen Glasscheiben, in denen sich bereits die luftigen, teils zweigeschoßigen Innenräume abzeichnen – spätestens, wenn man im Haus steht, beginnt man die Einzigartigkeit dieses Bauwerks zu begreifen“, sagt Trierenberg, der die Villa Beer gerne in einem Atemzug mit der Villa Tugendhat (1930) von Ludwig Mies van der Rohe und der Villa Savoye (1931) von Le Corbusier und Pierre Jeanneret nennt. „Ich denke, ich bin der Faszination dieses Hauses erlegen. Und es war relativ rasch klar, dass wir die Villa Beer nach der Sanierung nicht auf den privaten Immobilienmarkt zurückbringen werden, sondern dass wir sie einem breiten Publikum zugänglich machen möchten.“
Ab Sonntag, 8. März, öffnet das Haus für Besichtigungen. Im Kellergeschoss wurde ein Josef-Frank-Archiv installiert, die ehemalige Garage dient als Empfangshalle, einer der Kellerräume wurde zum Vortragssaal umfunktioniert. Im zweiten Obergeschoss wurden in Zusammenarbeit mit dem schwedischer Ausstatter Svenskt Tenn, für den Frank einst seine berühmten, lebensfrohen Stoffe entwarf, drei Hotelzimmer eingerichtet. Es ist eine Zeitreise in explosiven Mustern und Farben. Die Vermietung der Zimmer startet demnächst über Airbnb und ein Artist-in-Residence-Programm. Dieses Baudenkmal, so viel ist sicher, wird leben.
Bautafel
- Bauherrschaft:
- Villa Beer Foundation
- Architektur Bestand 1930:
- Josef Frank, Oskar Wlach
- Generalsanierung:
- Christian Prasser, CP Architektur, Wien
- Projektleitung:
- Benedikt Dekan
- Team:
- Hanna Beck-Tiefenbach, Laurenz Oswald
- Fertigstellung:
- 2025
- Landschaftsplanung:
- Auböck + Kárász Landscape Architects, Wien
- Restauration:
- Alexandra Sagmeister (Leitung)
- Fläche:
- 894 m² Nutzfläche
- Baukosten:
- 10.000.000 €
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Kommentare
Arcseyler
Wie der Raumplan von Loos eine innere Auflösung in einem getreppten Weg. Der Weg als Ziel zwischen sich und dem Ganzen.
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