In der Kirche liegt der Strand
Zur Manifesta 16 Ruhr
In der Kirche liegt der Strand
Zur Manifesta 16 Ruhr
Die europäische Wanderbiennale Manifesta macht Station im Ruhrgebiet. Unter künstlerischer Leitung des katalanischen Architekten und Stadtplaners Josep Bohigas beschäftigt sie sich mit der Frage, wie leer stehende Gotteshäuser gemeinwohlorientiert umgenutzt werden können. Bis zum 4. Oktober 2026 werden Kunstausstellungen in zwölf ehemaligen Kirchen in Essen, Gelsenkirchen, Bochum und Duisburg gezeigt, die nicht mehr regulär zugänglich sind. Doch das ist längst nicht alles, was sich entdecken lässt.
Zur Eröffnung der Manifesta herrschte brütende Hitze im Ruhrpott, und beim Betreten ihrer Ausstellungsorte ließ sich erleben, dass Kirchenbauten bei extremem Temperaturen hervorragende Zufluchtsorte sind. Besonders anschaulich wird dies in der surrealen Unter-Wasser-Atmosphäre der Kirche St. Josef in Gelsenkirchen. Dort hat das Kunstkollektiv Penqiue Productions (Barcelona/Rio de Janeiro) den Sakralraum mit einer aufblasbaren blauen Kunststoffmembran ausgekleidet und Sand auf den Boden geschüttet. Der Designer Curro Claret (Barcelona) und das Werkstattkollektiv baucircus haben die Kirchbänke mit den Anwohner*innen zu Sitzgruppen arrangiert.
Von der Pantoffelkirche zum Nachbarschaftszentrum
Anders als die um 1894 gebaute Kirche St. Josef stammen die meisten der von der Manifesta bespielten Kirchen aus der Nachkriegszeit. Sie waren damals in den Arbeiterquartieren der wachsenden Industrieregion wie Pilze aus dem Boden geschossen. Unter anderem Gottfried Böhm, Rudolf Schwarz, Hans Scharoun oder Otto Bartning – der ein Baukastensystem für sogenannte Notkirchen entwickelte – hatten sich bei der Bauaufgabe ausgelebt. Die progressive Ästhetik begeistert noch heute. Menschlicher Maßstab, klare Geometrien und experimentelle Lichtchoreografien lassen in diesen Räumen vieles vorstellbar werden, nicht nur Gottesdienste. Die finden hier mittlerweile auch kaum noch statt. Immer mehr Sakralbauten fallen aus der Nutzung, einigen steht der Abriss bevor. In den nächsten zehn Jahren, so die Prognose, werden etwa 20.000 Kirchen in ganz Deutschland dieses Schicksal teilen.
Anders als die um 1894 gebaute Kirche St. Josef stammen die meisten der von der Manifesta bespielten Kirchen aus der Nachkriegszeit. Sie waren damals in den Arbeiterquartieren der wachsenden Industrieregion wie Pilze aus dem Boden geschossen. Unter anderem Gottfried Böhm, Rudolf Schwarz, Hans Scharoun oder Otto Bartning – der ein Baukastensystem für sogenannte Notkirchen entwickelte – hatten sich bei der Bauaufgabe ausgelebt. Die progressive Ästhetik begeistert noch heute. Menschlicher Maßstab, klare Geometrien und experimentelle Lichtchoreografien lassen in diesen Räumen vieles vorstellbar werden, nicht nur Gottesdienste. Die finden hier mittlerweile auch kaum noch statt. Immer mehr Sakralbauten fallen aus der Nutzung, einigen steht der Abriss bevor. In den nächsten zehn Jahren, so die Prognose, werden etwa 20.000 Kirchen in ganz Deutschland dieses Schicksal teilen.
Parallel zum Leerstand der für das Ruhrgebiet typischen „Pantoffelkirchen“ – so nah gelegen, dass man sie theoretisch in Hausschuhen besuchen kann – fehlt es den Quartieren gegenwärtig an nachbarschaftlichen Treffpunkten und inklusiven Identifikationsorten. Unter dem Motto „Das ist keine Kirche“ will die Manifesta Angebot und Nachfrage zusammenführen: Können aus den ehemaligen Zentren des Glaubens neue Zentren der Gemeinschaft werden?
Wir brauchen diese Kirche!
Schon der Ausstellungsaufbau zeigte, dass dies funktionieren kann. In der Bochumer Kirche St. Ludgerus hat das Soundart-Kollektiv CaboSanRoque mit Flexo Arquitectura (beide aus Barcelona) ein Spielfeld mit Basketballkörben und Fußballtoren eingerichtet. Der Titel „Fail louder“ ist hierbei Programm: Bei jedem falschen Pfostentreffer ertönt eine Orgelsequenz, die aufgezeichnet und zur gemeinschaftlichen Komposition wird. Wie Klangkünstlerin Laia Torrents Carulla berichtete, dauerte es nicht lange, bis die ersten Kinder kamen und als Test-Spielende halfen, die Soundinstallation einzurichten.
Wir brauchen diese Kirche!
Schon der Ausstellungsaufbau zeigte, dass dies funktionieren kann. In der Bochumer Kirche St. Ludgerus hat das Soundart-Kollektiv CaboSanRoque mit Flexo Arquitectura (beide aus Barcelona) ein Spielfeld mit Basketballkörben und Fußballtoren eingerichtet. Der Titel „Fail louder“ ist hierbei Programm: Bei jedem falschen Pfostentreffer ertönt eine Orgelsequenz, die aufgezeichnet und zur gemeinschaftlichen Komposition wird. Wie Klangkünstlerin Laia Torrents Carulla berichtete, dauerte es nicht lange, bis die ersten Kinder kamen und als Test-Spielende halfen, die Soundinstallation einzurichten.
Auch St. Josef, die Kirche mit dem Strand, wurde in der Warm-up-Phase vor der Manifesta vom Gelsenkirchener Jugendprojekt Social BallerZ als Basketball-Kirche getestet. „Wenn die Manifesta vorbei ist, brauchen wir diese Kirche zurück – sie soll unser Sportplatz sein!“, lautet die Botschaft der Jugendlichen, die Manifesta-Direktorin Hedwig Fijen der Gelsenkirchener Bürgermeisterin Andrea Henze (SPD) zur Eröffnung überbrachte.
Viele Veranstaltungen der Biennale richten sich explizit an die Menschen in den migrantisch geprägten Quartieren. Arbeitslosigkeit, Armut und Ausgrenzung sind hier an der Tagesordnung, konsumfreie Begegnungs- und Erholungsorte rar. Nun stehen vor der Essener Markuskirche begrünte Holzstrukturen von PELE Collective (Porto). Sitzgruppen, Hochbeete und ein Planschbecken bilden zwischen Kita, Schule, Pflegeheim und Kunstkirche einen intergenerationalen Marktplatz.
Im Außenbereich der Gelsenkirchener St.-Bonifatius-Kirche hat Bureau Baubotanik (Stuttgart) mit den Gartenaktivistinnen Begzada Alatović (Berlin) und Renate Janßen (Gelsenkirchen) einen Teegarten installiert. Hier wachsen Kräuter, die in Teezeremonien gemeinsam zubereitet werden sollen. Gürsoy Doğtaş, einer von insgesamt acht Kurator*innen, hat diesen Biennale-Schauplatz Ferdane Satır gewidmet, die 1984 mit Familienmitgliedern bei einem rassistischen Brandanschlag in Duisburg ums Leben kam. Viele der bei der Manifesta 16 gezeigten Kunstwerke thematisieren Geschichten und Lebensrealitäten von einstigen Gastarbeiter*innen und ihren Nachkommen.
Viele Veranstaltungen der Biennale richten sich explizit an die Menschen in den migrantisch geprägten Quartieren. Arbeitslosigkeit, Armut und Ausgrenzung sind hier an der Tagesordnung, konsumfreie Begegnungs- und Erholungsorte rar. Nun stehen vor der Essener Markuskirche begrünte Holzstrukturen von PELE Collective (Porto). Sitzgruppen, Hochbeete und ein Planschbecken bilden zwischen Kita, Schule, Pflegeheim und Kunstkirche einen intergenerationalen Marktplatz.
Im Außenbereich der Gelsenkirchener St.-Bonifatius-Kirche hat Bureau Baubotanik (Stuttgart) mit den Gartenaktivistinnen Begzada Alatović (Berlin) und Renate Janßen (Gelsenkirchen) einen Teegarten installiert. Hier wachsen Kräuter, die in Teezeremonien gemeinsam zubereitet werden sollen. Gürsoy Doğtaş, einer von insgesamt acht Kurator*innen, hat diesen Biennale-Schauplatz Ferdane Satır gewidmet, die 1984 mit Familienmitgliedern bei einem rassistischen Brandanschlag in Duisburg ums Leben kam. Viele der bei der Manifesta 16 gezeigten Kunstwerke thematisieren Geschichten und Lebensrealitäten von einstigen Gastarbeiter*innen und ihren Nachkommen.
Widersprüche und Möglichkeitsräume
Die Ausstellungsorte liegen teils weit auseinander, drei Tage sollten eingeplant werden, um alle zu besuchen. Unterwegs lohnt es, sich treiben zu lassen, den Nahverkehr zu nutzen oder eine der von der Manifesta konzipierten Radtouren zu machen. Unabhängig von den als Kunst ausgeschilderten Projekten erfährt man so ganz nebenbei viel über Widersprüche und Potenziale der Ruhrregion.
Unweit der St.-Anna-Kirche im Gelsenkirchener Schalke-Revier verweist zum Beispiel eine Brache mit Infotafel auf das derzeit laufende „Modellvorhaben Problemimmobilien“. Gefördert vom Bauministerium NRW kauft die Kommune leer stehende, inoffiziell genutzte oder verwahrloste Häuser auf, meist, um sie anschließend abzureißen. Währenddessen veranstaltet das Berliner Baukollektiv ConstructLab in der Kirche jeden Mittwoch ein „Hüttenspiel“, bei dem sich Kinder aus Fundmaterial eigene Räume bauen können.
Die Ausstellungsorte liegen teils weit auseinander, drei Tage sollten eingeplant werden, um alle zu besuchen. Unterwegs lohnt es, sich treiben zu lassen, den Nahverkehr zu nutzen oder eine der von der Manifesta konzipierten Radtouren zu machen. Unabhängig von den als Kunst ausgeschilderten Projekten erfährt man so ganz nebenbei viel über Widersprüche und Potenziale der Ruhrregion.
Unweit der St.-Anna-Kirche im Gelsenkirchener Schalke-Revier verweist zum Beispiel eine Brache mit Infotafel auf das derzeit laufende „Modellvorhaben Problemimmobilien“. Gefördert vom Bauministerium NRW kauft die Kommune leer stehende, inoffiziell genutzte oder verwahrloste Häuser auf, meist, um sie anschließend abzureißen. Währenddessen veranstaltet das Berliner Baukollektiv ConstructLab in der Kirche jeden Mittwoch ein „Hüttenspiel“, bei dem sich Kinder aus Fundmaterial eigene Räume bauen können.
Positive Bilder des Wandels
Seit der Manifesta 12 in Palermo will die Biennale nicht nur Kunst präsentieren, sondern auch dabei helfen, die Stadtentwicklung in den Städten und Regionen, wo sie zu Gast ist, voranzutreiben. Denn der kreative Blick von außen und künstlerische Versuchsanordnungen können wertvolle Impulse für Kommunen geben, im spekulativen Testlauf Raumkonfigurationen erproben und utopische Bilder erzeugen, die es vermögen, in Planungsprozessen zu motivieren oder Zielsetzungen zu veranschaulichen. Für ein besseres Verständnis der konkreten Situation vor Ort ging der Biennale eine zweijährige Recherchephase mit öffentlichen Befragungen und Veranstaltungen voraus. Mit den dabei gewonnenen Erkenntnissen entwickelte das Manifesta-Team um Bohigas eine urbane Vision.
Auch dafür haben die Ruhr-Städte die Manifesta eingeladen. Bereits 2010 hatte die Metropolregion als Europäische Kulturhauptstadt gute Erfahrungen mit Kunst und Kultur als Entwicklungsmotor gemacht. Nach jahrzehntelangem Strukturwandel kenne man sich mit Veränderung inzwischen aus, sagte Frank Dudda, Vorsitzender des Ruhrparlaments und Oberbürgermeister von Herne, anlässlich der Eröffnung. Aber zu oft liege der Fokus der Erzählungen noch auf Verlusterfahrungen. Wichtig sei es, Wandel vor allem auch als Aufforderung zu begreifen, nach neuen Wegen zu suchen. Menschen dafür zu aktivieren, sie auf Ideen zu bringen und zur zivilgesellschaftlichen Initiative zu ermuntern – das ist es, was man sich im Ruhrgebiet von der Manifesta erhofft.
Seit der Manifesta 12 in Palermo will die Biennale nicht nur Kunst präsentieren, sondern auch dabei helfen, die Stadtentwicklung in den Städten und Regionen, wo sie zu Gast ist, voranzutreiben. Denn der kreative Blick von außen und künstlerische Versuchsanordnungen können wertvolle Impulse für Kommunen geben, im spekulativen Testlauf Raumkonfigurationen erproben und utopische Bilder erzeugen, die es vermögen, in Planungsprozessen zu motivieren oder Zielsetzungen zu veranschaulichen. Für ein besseres Verständnis der konkreten Situation vor Ort ging der Biennale eine zweijährige Recherchephase mit öffentlichen Befragungen und Veranstaltungen voraus. Mit den dabei gewonnenen Erkenntnissen entwickelte das Manifesta-Team um Bohigas eine urbane Vision.
Auch dafür haben die Ruhr-Städte die Manifesta eingeladen. Bereits 2010 hatte die Metropolregion als Europäische Kulturhauptstadt gute Erfahrungen mit Kunst und Kultur als Entwicklungsmotor gemacht. Nach jahrzehntelangem Strukturwandel kenne man sich mit Veränderung inzwischen aus, sagte Frank Dudda, Vorsitzender des Ruhrparlaments und Oberbürgermeister von Herne, anlässlich der Eröffnung. Aber zu oft liege der Fokus der Erzählungen noch auf Verlusterfahrungen. Wichtig sei es, Wandel vor allem auch als Aufforderung zu begreifen, nach neuen Wegen zu suchen. Menschen dafür zu aktivieren, sie auf Ideen zu bringen und zur zivilgesellschaftlichen Initiative zu ermuntern – das ist es, was man sich im Ruhrgebiet von der Manifesta erhofft.
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