Gleise unterm Periskop
Metrostation in Riad von Snøhetta
Riad, die Hauptstadt Saudi-Arabiens, war bis vor rund zehn Jahren eine auf den Individualverkehr ausgerichtete Metropole. Sie verfügte über keinen schienengebundenen öffentlichen Nahverkehr. 2013 wurde das Riyadh Metro Project beschlossen: ein stadtweites U-Bahn-System mit sechs Linien, 176 Kilometern Strecke und 85 Stationen. Für drei zentrale Umsteigebahnhöfe wurden internationale Architekturwettbewerbe ausgelobt. Den Zuschlag für die Olaya Metro Station erhielten Gerber Architekten (Dortmund), Zaha Hadid Architects (London) realisierten die King Abdullah Financial District Metro Station. Und vergangenes Jahr wurde die Qasr Al Hokm Downtown Metro Station von Snøhetta (Oslo) in Betrieb genommen.
Letztere verbindet zwei der wichtigsten Linien des Netzes und liegt im historischen Zentrum Riads. Snøhetta konzipierten die Station als offenen Fußgängerplatz, der von einem weit auskragenden Baldachin aus Edelstahl überspannt wird. Das spiegelnde Dach markiert den Haupteingang der unterirdisch organisierten Verkehrsinfrastruktur und fungiert zugleich als Orientierungspunkt. Seine Außenhaut besteht aus acht Millimeter starken, doppelt gekrümmten Edelstahlpaneelen, die vollständig verschweißt und poliert wurden, sodass sich eine fugenlose, reflektierende Oberfläche ergab.
So funktioniert es wie ein riesiges Periskop: Ankommende Besucher*innen nehmen vom Platz aus die Spiegelung der darunterliegenden Station in der Baldachinfläche wahr, während sich von den unterirdischen Bahnsteigen ein 360-Grad-Blick auf die Stadt eröffnet. Gleichzeitig spendet die Konstruktion Schatten und leitet Tageslicht bis in die unteren Ebenen.
Unterhalb des Bodenniveaus greifen die schrägen, verputzten Innenwände gestalterische Motive der regionalen Architektur auf. Die Atriumswände sind mit einem Muster aus 326 dreieckigen Öffnungen in drei Größen versehen, das sich an traditionellen Nadschdi-Ornamenten orientiert. Die perforierten Flächen sollen Sichtbeziehungen zwischen den Ebenen schaffen und das einfallende Licht in das Innere der Station filtern.
Die beiden Metrolinien verlaufen durch den offenen Raum in transparenten Röhren. Ihre Bahnsteige sind in großformatige Glaszylinder eingefasst, die in das zentrale Atrium hineinragen und die vertikale Organisation der Station sichtbar machen, die acht Untergeschosse umfasst.
Auf das extreme Klima mit regelmäßig über 45 Grad im Sommer reagiert Snøhetta mit einem Garten am Fuß des rund 35 Meter tiefen Atriums. Aufgrund seiner Tieflage bleibt das Mikroklima hier auch während der heißesten Monate vergleichsweise kühl. Das zur Bewässerung benötigte Wasser wird von den gepflasterten Platzflächen und dem Dach gesammelt.
Der Platz ist durch eine mit glattem Terrazzo gestaltete Oberfläche klar als öffentlicher Raum lesbar und schließt unmittelbar an ein bedeutendes Eid-Gebetsfeld an, das während religiöser Festtage Tausenden Menschen Raum bietet. In Richtung Mekka ausgerichtete und beleuchtete Entwässerungskanäle ermöglichen es, den Platz als Erweiterung der benachbarten Moschee zu nutzen. (iok)
- Fertigstellung:
- 2025
- Architektur:
- Snøhetta
- Zusammenarbeit:
- Crew, One Works
- Bauherrschaft:
- Royal Commission Riyadh City
- Fläche:
- 20.000 m²
Die Stadt spiegeln und verzerren? Das haben schon so manche vorgemacht – MVRDV mit dem Depot Boijmans Van Beuningen in Rotterdam, Office mit einer ringförmigen Brücke in Brüssel oder Anish Kapoor mit dem Cloud Gate in Chicago.




