Viele Fragen in der Spirale
Museum in Haikou von MAD
Wozu noch Museen besuchen, wenn wir doch alle Antworten auf jegliche Fragen jederzeit in unserer Hosentasche finden können? Die diesbezügliche Haltung von Architekt Ma Yansong ist klar: Die Aufgabe eines Wissenschaftsmuseums bestehe primär nicht länger darin, Fakten zu vermitteln. Vielmehr müsse es uns beibringen, wie man die richtigen Fragen stellt. Mit seinem Büro MAD (Peking) entwarf er das Hainan Science Museum in Haikou an der Nordküste der Insel Hainan, das diesem Anspruch Ausdruck verleihen soll.
Seit der Gründung von MAD vor nunmehr zwei Dekaden (2004) beschäftige sich Ma Yansong mit der Frage, wie ein Gebäude nicht bloß ein Container von Inhalten bleibt, sondern zum Inhalt selbst wird. Das Wissenschaftsmuseum in Haikou könnte seine bisher klarste Antwort darauf sein, proklamiert die Pressemitteilung. Das architektonisch-didaktische Konzept dahinter? Alles im Fluss, alles ist Chaos. „Ich wollte, dass Raum, Funktion und Wissen frei ineinanderfließen“, so der chinesische Architekt, den das Time Magazine 2025 zu den Top 100 der einflussreichsten Menschen kürte.
Räumlich übersetzt wurde dieser Ansatz in Form einer durchlaufenden Spirale. Anders als beim New Yorker Guggenheim Museum von Frank Lloyd Wright (1959) windet sich die Spirale an der Fassade empor und verleiht dem Bau seine expressive wirbelartige Anmutung. Dabei gibt sie ab und an Ausblicke auf die Natur des umliegenden Wuyuan River National Wetland Parks frei.
Dem Konzept des Fließenden (Flow) entspricht die Spirale freilich gut. Das Chaos allerdings ist mit zwei möglichen Richtungen, in denen Besuchende die Ausstellungsräume durchschreiten können, relativ begrenzt. Ähnlich wie Frank Lloyd Wright sehen auch MAD vor, dass Besuchende die Ausstellungsräume von oben nach unten besichtigen, was inhaltlich durchaus Sinn ergibt. So geht man von Weltraum und Ozean über Hainans Regenwälder und tropische Landwirtschaft hin zu einer Mitmach-Ebene für Kinder. Auch wenn die entgegengesetzte Richtung ebenso möglich ist – ganz so frei überlassen wie im kürzlich eröffneten Lacma in Los Angeles von Peter Zumthor wird den Besucher*innen des Hainan Science Museum ihr Rundgang nicht.
Statisch basiert der Bau auf drei tragenden Betonkernen, die sich um das glasgedeckte Atrium ringen. So konnten die Galerien frei von Stützen bleiben. Unterhalb der in faserverstärkte Polymerplatten gehüllten, von weitem sichtbaren Landmarke breiteten die Architekt*innen ein offenes Erdgeschoss aus, das hauptsächlich aus einer weit ausladenden Vordachstruktur besteht.
Neben den Ausstellungsbereichen umfasst der Komplex über rund 46.500 Quadratmeter Bruttogrundfläche (davon rund 18.750 unterirdisch) auch ein Planetarium, ein Kino und einen als Freilufttheater dienenden tiefergelegten Platz. Die Außenanlagen, in denen praktische Pflanzen- und Landwirtschaftsbildung stattfinden soll, stammen von EADG (Hongkong u.a.). Seit der Eröffnung in diesem Jahr hätten bereits 350.000 Menschen das Museum besucht, schreiben die Architekt*innen. Und auch die KI hat den Bau bereits auf dem Schirm. Ihre Einschätzung zur Architektur kommt aber ganz auf die richtige Frage an. (mh)
- Fertigstellung:
- 2026
- Architektur:
- MAD
- Leitende Partner:
- Ma Yansong, Dang Qun, Yosuke Hayano
- Verantwortliche Partner:
- Fu Changrui, Kin Li, Tiffany Dahlen
- Team Architektur:
- Wang Yiding, Chen Yiwen, Sun Feifei, Pan Siyi, Wang Shuang, Lyu Dechen, Yang Xuebing, Zhu Yuhao, Reem Mosleh, Alan Rodríguez Carrillo, Anri Gyuloyan, Rozita Kahirtseva, Zheng Chengwen, Wu Qiaoling, Feng Yingying, Edgar Navarrete
- Landschaftsarchitektur:
- EADG
- Fassadenberatung:
- RFR Shanghai
- Interior Design:
- MAD, CCDI Group
- Bauherrschaft:
- Haikou Association for Science and Technology
- Fläche:
- 46.528 m² Bruttogrundfläche
Ein wenig erinnert die wirbelartige Form des Hainan Science Museums auch an MADs Museum Fenix in Rotterdam.









