Kants Gedankengebäude
Museum von Sunder Plassmann Architekten in Lüneburg
Kants Gedankengebäude
Museum von Sunder Plassmann Architekten in Lüneburg
Der Philosophie ein Museum zu widmen ist eine ungewöhnliche Aufgabe. Erst recht, wenn es um das Werk von Immanuel Kant geht. Anlässlich seines 300. Geburtstags eröffnete in Lüneburg das weltweit erste Kant-Museum. Nach Plänen von Sunder Plassmann Architekten und Sunder-Plassmann & Werner Szenografie entstand es als Erweiterung des Ostpreußischen Landesmuseums, das dort seit 1987 beheimatet ist. Unser Autor war vor Ort.
Ob auf Grundgesetz oder Vereinte Nationen, Kants Einfluss ist unumstritten. „Er ist wichtig wie selten, aber unheimlich kompliziert“, sagt Museumsdirektor Joachim Mähnert. Es spricht also vieles für einen Ort, der sein Werk für ein breites Publikum zugänglich macht. Warum aber ein Museum 600 Kilometer entfernt von Kants Heimat Königsberg errichten, noch dazu, wenn der Philosoph nie in Lüneburg war? Nach dem Zweiten Weltkrieg waren viele Vertriebene aus den ostpreußischen Gebieten nach Lüneburg gekommen, und hatten sich ebenda für ein Ostpreußisches Museum starkgemacht.
2016 übernahm das Museum, das 1987 nach Plänen von Richard Westrén-Doll entstanden war, die große Kantsammlung aus Duisburg. 2018 folgten die Neugestaltung der Dauerausstellung und ein Foyerbau im Innenhof nach Plänen von Sunder Plassmann Architekten. Mit einer Förderzusage über acht Millionen Euro vom Land Niedersachsen und dem Bund lobte die Ostpreußische Kulturstiftung 2021 schließlich einen europaweiten Wettbewerb für ein Kant-Museum aus. Sunder-Plassmann Architekten (Kappeln/Berlin) und Sunder-Plassmann & Werner Szenografie (Hamburg) gewannen.
Zurückhaltend fügt sich der 500 Quadratmeter umfassende Bau ins Gefüge der Altstadt, dockt an das Ostpreußische Museum an, füllt die Baulücke zur Ritterstraße. Zum Stadtraum zeigt er sich hanseatisch verklinkert und verschlossen. Fensterelemente aus Holz und Kupferblech akzentuieren die Fassade aus flämisch buntem Klinkerstein.
2016 übernahm das Museum, das 1987 nach Plänen von Richard Westrén-Doll entstanden war, die große Kantsammlung aus Duisburg. 2018 folgten die Neugestaltung der Dauerausstellung und ein Foyerbau im Innenhof nach Plänen von Sunder Plassmann Architekten. Mit einer Förderzusage über acht Millionen Euro vom Land Niedersachsen und dem Bund lobte die Ostpreußische Kulturstiftung 2021 schließlich einen europaweiten Wettbewerb für ein Kant-Museum aus. Sunder-Plassmann Architekten (Kappeln/Berlin) und Sunder-Plassmann & Werner Szenografie (Hamburg) gewannen.
Zurückhaltend fügt sich der 500 Quadratmeter umfassende Bau ins Gefüge der Altstadt, dockt an das Ostpreußische Museum an, füllt die Baulücke zur Ritterstraße. Zum Stadtraum zeigt er sich hanseatisch verklinkert und verschlossen. Fensterelemente aus Holz und Kupferblech akzentuieren die Fassade aus flämisch buntem Klinkerstein.
So genügsam von außen, so anspruchsvoll das Innere. „Wie stellt man Philosophie aus? Wie bringt man Ideen und Theorien in den Raum?“ fragte sich das Planungsteam. Das Atrium, das als räumliche Skulptur verstanden und als „Architektur der Erkenntnis“ bezeichnet wird, verbindet die oberen Ebenen räumlich und inhaltlich. Die kuratorischen Leitgedanken im 1. Obergeschoss sind beeinflusst von Kants These „Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauung ohne Begriffe sind blind“. Das in Holz gefasste Interieur soll Kants Verständnis von Erfahrung und Wahrheit nahbar machen. So evoziert der Raum zur kantischen Einsicht: Nicht alles, was ich sehe, ist wahr. Nicht alles, was ich denke, existiert.
Der Raum zur Erkenntnistheorie führt über zur praktischen Vernunft. Ähnlich wie unten verhandelt er Kants berühmte Gedanken zum Kategorischen Imperativ – nicht zu verwechseln mit der „Goldenen Regel“! – und lädt mit spielerischen Installationen und VR-Brillen zum Diskurs ein. Höhepunkt ist der „Himmel der Ideen“ über dem Atrium, in dem Gott und Moral eins werden. Zugegeben etwas hochtrabend, doch kantisch konsequent.
Da, wo der Rundgang beginnt, erreicht die „Architektur der Erkenntnis“ ihr Finale: Im ebenerdigen Kant-Forum ermöglicht eine u-förmige Sitzreihe Veranstaltungen. Den Bogen nach Königsberg schlägt eine virtuelle Tour durch die vom Krieg zerstörte Stadt. Unterhalb des Forums beherbergt der Bau das Kant-Archiv.
Klar, das Zusammenspiel von Sichtbeton und Holz und auf beigefarbenem Untergrund geschriebenen Begriffen wie „Transzendentaler Elementarlehre“ wirkt wenig kontrastreich. Raum- und Ausstellungsprogramm navigieren eben zwischen bildhafter Gestaltung und inhaltlicher Tiefe. Doch es gehört Mut dazu, dem Personenkult zu widerstehen, der Philosophie den Raum zu überlassen und Kants Gedankengebäude ein stückweit in räumliche Erfahrung zu übersetzen.
Ursprünglich wollte man 2024 zum 300. Geburtstag des Philosophen eröffnen, doch der Bau verzögerte sich. Welchen Stellenwert das Kant-Museum in der deutschen Kulturlandschaft einnimmt, zeigte nicht zuletzt der Besuch von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer zur Eröffnung im März. In seiner Rede beschwor er den Geist Kants und betonte dessen Einfluss auf das Recht auf Meinungsfreiheit. Kommentare von der anwesenden Presse folgten prompt.
Der Raum zur Erkenntnistheorie führt über zur praktischen Vernunft. Ähnlich wie unten verhandelt er Kants berühmte Gedanken zum Kategorischen Imperativ – nicht zu verwechseln mit der „Goldenen Regel“! – und lädt mit spielerischen Installationen und VR-Brillen zum Diskurs ein. Höhepunkt ist der „Himmel der Ideen“ über dem Atrium, in dem Gott und Moral eins werden. Zugegeben etwas hochtrabend, doch kantisch konsequent.
Da, wo der Rundgang beginnt, erreicht die „Architektur der Erkenntnis“ ihr Finale: Im ebenerdigen Kant-Forum ermöglicht eine u-förmige Sitzreihe Veranstaltungen. Den Bogen nach Königsberg schlägt eine virtuelle Tour durch die vom Krieg zerstörte Stadt. Unterhalb des Forums beherbergt der Bau das Kant-Archiv.
Klar, das Zusammenspiel von Sichtbeton und Holz und auf beigefarbenem Untergrund geschriebenen Begriffen wie „Transzendentaler Elementarlehre“ wirkt wenig kontrastreich. Raum- und Ausstellungsprogramm navigieren eben zwischen bildhafter Gestaltung und inhaltlicher Tiefe. Doch es gehört Mut dazu, dem Personenkult zu widerstehen, der Philosophie den Raum zu überlassen und Kants Gedankengebäude ein stückweit in räumliche Erfahrung zu übersetzen.
Ursprünglich wollte man 2024 zum 300. Geburtstag des Philosophen eröffnen, doch der Bau verzögerte sich. Welchen Stellenwert das Kant-Museum in der deutschen Kulturlandschaft einnimmt, zeigte nicht zuletzt der Besuch von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer zur Eröffnung im März. In seiner Rede beschwor er den Geist Kants und betonte dessen Einfluss auf das Recht auf Meinungsfreiheit. Kommentare von der anwesenden Presse folgten prompt.
Bautafel
- Fertigstellung:
- 2026
- Architektur:
- Sunder Plassmann Architekten
- Projektbeteiligte:
- Hans-Christian Rieck, Dörte Bünning, Anne Kiefer, Rebekka Kühn, Carlotta Busch
- Ausstellungsgestaltung:
- Sunder-Plassmann & Werner Szenografie
- Bauherrschaft:
- Ostpreußische Kulturstiftung
- Fläche:
- 500 m²
- Baukosten:
- 8.000.000 €
Zum Thema
www.ostpreussisches-landesmuseum.de
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Kommentare
Arcseyler
Kant kommt dem modernen Weltentwurf schon sehr nahe, indem er dem Subjekt- Objektverhältnis noch das Alleins hinzufügt. Sinngemäß dem Streetview noch das Google Maps, oder der Froschperspektive die ganzheitliche Modelldraufsicht.
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