Gebäude wie Hochleistungsgeräte
Zum 85. Geburtstag von Thomas Herzog
Gebäude wie Hochleistungsgeräte
Zum 85. Geburtstag von Thomas Herzog
Thomas Herzog zählt zu den Wegbereitern einer energie- und ressourcenschonenden Architektur. Zum 85. Geburtstag ein Blick auf das Werk eines Architekten, Forschers und Erfinders, der seit Jahrzehnten an innovativen Gebäudehüllen und nachhaltigen Konstruktionsweisen arbeitet.
Wenn heute landauf, landab über die Bauwende gesprochen wird, die Rezyklierbarkeit von Baumaterialien, nachwachsende Baustoffe, die Minimierung des Energiebedarfs oder den Einsatz erneuerbarer Energien, dann könnte man sich gut vorstellen, wie da in München ein seit heute 85-Jähriger in seinem Schaukelstuhl sitzt, leise lächelt und denkt: „Ich hab’s euch doch gesagt.“ Nur neigt Thomas Herzog nicht zur Besserwisserei – und dass er einen Schaukelstuhl besitzt, ist unwahrscheinlich. Wenn, dann wäre es vermutlich ein solarbetriebener, von ihm selbst entwickelt und gebaut.
Herzog ist Architekt. Ihn jedoch „nur“ als Architekten zu bezeichnen, wirkt unvollständig. Herzog ist immer auch Forscher gewesen, Wissenschaftler, Erfinder, Ingenieur und Tüftler. Ein Daniel Düsentrieb in der deutschen Architekturlandschaft, ein Neuerer in enger Geistesverwandtschaft mit den südwestdeutschen Kollegen wie Frei Otto, Otto Steidle und Günther Behnisch.
Herzog kam 1941 in München zur Welt, studierte dort an der Technischen Hochschule (heute TU) und arbeitete anschließend dreieinhalb Jahre bei Peter von Seidlein. Dessen elegante und präzise, von Mies van der Rohe inspirierten Konstruktionen liegen Herzog. Schon zu Studienzeiten begeisterten ihn die Tragwerke von Jean Prouvé, Konrad Wachsmann und Pier Luigi Nervi.
Herzog ist Architekt. Ihn jedoch „nur“ als Architekten zu bezeichnen, wirkt unvollständig. Herzog ist immer auch Forscher gewesen, Wissenschaftler, Erfinder, Ingenieur und Tüftler. Ein Daniel Düsentrieb in der deutschen Architekturlandschaft, ein Neuerer in enger Geistesverwandtschaft mit den südwestdeutschen Kollegen wie Frei Otto, Otto Steidle und Günther Behnisch.
Herzog kam 1941 in München zur Welt, studierte dort an der Technischen Hochschule (heute TU) und arbeitete anschließend dreieinhalb Jahre bei Peter von Seidlein. Dessen elegante und präzise, von Mies van der Rohe inspirierten Konstruktionen liegen Herzog. Schon zu Studienzeiten begeisterten ihn die Tragwerke von Jean Prouvé, Konrad Wachsmann und Pier Luigi Nervi.
Die Wende zur Bauökologie
Bei Herzog tritt jedoch zur elegant minimierten Konstruktion bald ein weiteres Thema: eine Architektur, die mit den Ressourcen der Natur sparsam umgeht. Bei von Seidlein, bemerkte Herzog einmal rückblickend, seien Energieverluste „zugunsten eines schönen, unverkleideten Tragwerks“ bewusst in Kauf genommen worden: „Damals hat niemand daran gedacht, dass die Ressourcen beschränkt sind und dass man damit behutsam umgehen müsste.“
Herzog wird zum Teil einer Zeitenwende. Er geht als wissenschaftlicher Assistent nach Stuttgart, wo er auf Frei Otto und dessen Leichtbauten trifft. Die Beschäftigung mit der architektonischen Hülle als flexible, leistungsstarke Membran beginnt. Es wird Herzogs architektonisches Lebensthema. An der La Sapienza in Rom promoviert er über pneumatische Konstruktionen. In Italien lernt er Bildhauer Nikolaus Lang und Maler Rainer Wittenborn kennen, mit denen ein reger Austausch über die Natur und letztlich eine lebenslange Freundschaft entsteht. Gemeinsam arbeiteten sie etwa am Design Center Linz oder am Oskar-von-Miller-Forum in München.
1972 gründet Herzog mit seiner Frau Verena Herzog-Loibl das gemeinsame Büro in München, wo er bis heute tätig ist. Im Namen Thomas Herzog + Partner steckt ein Hinweis auf die kooperative, interdisziplinäre Arbeitsweise. Ein Jahr später wird er Professor in Kassel – mit 32 Jahren der damals jüngste Architekturprofessor der Bundesrepublik.
Bei Herzog tritt jedoch zur elegant minimierten Konstruktion bald ein weiteres Thema: eine Architektur, die mit den Ressourcen der Natur sparsam umgeht. Bei von Seidlein, bemerkte Herzog einmal rückblickend, seien Energieverluste „zugunsten eines schönen, unverkleideten Tragwerks“ bewusst in Kauf genommen worden: „Damals hat niemand daran gedacht, dass die Ressourcen beschränkt sind und dass man damit behutsam umgehen müsste.“
Herzog wird zum Teil einer Zeitenwende. Er geht als wissenschaftlicher Assistent nach Stuttgart, wo er auf Frei Otto und dessen Leichtbauten trifft. Die Beschäftigung mit der architektonischen Hülle als flexible, leistungsstarke Membran beginnt. Es wird Herzogs architektonisches Lebensthema. An der La Sapienza in Rom promoviert er über pneumatische Konstruktionen. In Italien lernt er Bildhauer Nikolaus Lang und Maler Rainer Wittenborn kennen, mit denen ein reger Austausch über die Natur und letztlich eine lebenslange Freundschaft entsteht. Gemeinsam arbeiteten sie etwa am Design Center Linz oder am Oskar-von-Miller-Forum in München.
1972 gründet Herzog mit seiner Frau Verena Herzog-Loibl das gemeinsame Büro in München, wo er bis heute tätig ist. Im Namen Thomas Herzog + Partner steckt ein Hinweis auf die kooperative, interdisziplinäre Arbeitsweise. Ein Jahr später wird er Professor in Kassel – mit 32 Jahren der damals jüngste Architekturprofessor der Bundesrepublik.
Herzog forscht, lehrt, denkt und zeichnet – und schließlich baut er auch. Eines seiner frühesten Projekte gilt bis heute als Schlüsselprojekt. Mitten in Regensburg entwirft er ein abstraktes, keilförmiges Haus (1977–79) als aufgeständerte Holzskelettkonstruktion, deren großes, schräges Glasdach im 30-Grad-Winkel wie ein Wintergarten die Sonneneinstrahlung einfängt. Es ist ein Statement – wie so viele seiner Bauten, die folgen.
Erfinden für das Bauen
Aus der Beschäftigung mit solarer Energiegewinnung und Wintergärten entwickelt er das Konzept der „Zwei-Zonen-Häuser“ mit einem massiven, beheizten und einem leichten, unbeheizten Teil. Lange bevor etwa Lacaton Vassal mit ähnlichen Konzepten in Mulhouse internationale Aufmerksamkeit erregen, baut Herzog solche Häuser am Rand der Bundesgartenschau in Berlin (1983–85) oder für ein Jugendgästehaus in Windberg (1987–91).
Für das Unternehmen Wilkhahn baut er 1989–92 eine Produktionshalle mit natürlicher Belüftung und transluzenten Fassadenelementen. In Linz entsteht fast zeitgleich das Design Center (1989–93): ein gewaltiges Glasdach auf bogenförmigen Stahlträgern mit einem eigens entwickeltem Tageslichtraster. Als „Herzogs Kristallpalast“ und „Wunder von Linz“ bezeichnete es der Architekturkritiker der ZEIT, Manfred Sack.
Wo nötig, entwickelt oder erfindet Herzog neue Produkte, oft direkt mit der Industrie. Er hält heute mehrere Dutzend Patente, vor allem für Komponenten intelligenter Gebäudehüllen, für die bessere Nutzung von Solarenergie und neuartige Baustoffsysteme. Ihn interessieren kinetische Elemente, mit denen Fassaden flexibel auf Sonnenstand, Wetter und die Jahreszeiten reagieren können. Denn warum Gebäude unveränderlich sein sollen, wenn doch die Natur sich stets in Kreisläufen verändert, erschließt sich Herzog nicht.
Jedes Material ist ihm recht – ob Holz, Glas, Stahl oder Beton. Herzog sucht immer nach den idealen Maßen und Proportionen. Immer wieder dient die Natur als Inspiration. Beim Doppelwohnhaus in Pullach (1986–89) legt er hinter die transluzente Wärmedämmung schwarz gestrichene Betonfertigteile, welche die Sonnenwärme einfangen wie die schwarze Haut des Eisbären. Aus dem Verwaltungshochhaus in Hannover (1997–99) ragt ein schlanker Lüftungsturm empor, dessen thermischer Auftrieb die natürliche Lüftung unterstützt wie bei den Hügelbauten der Termiten.
Erfinden für das Bauen
Aus der Beschäftigung mit solarer Energiegewinnung und Wintergärten entwickelt er das Konzept der „Zwei-Zonen-Häuser“ mit einem massiven, beheizten und einem leichten, unbeheizten Teil. Lange bevor etwa Lacaton Vassal mit ähnlichen Konzepten in Mulhouse internationale Aufmerksamkeit erregen, baut Herzog solche Häuser am Rand der Bundesgartenschau in Berlin (1983–85) oder für ein Jugendgästehaus in Windberg (1987–91).
Für das Unternehmen Wilkhahn baut er 1989–92 eine Produktionshalle mit natürlicher Belüftung und transluzenten Fassadenelementen. In Linz entsteht fast zeitgleich das Design Center (1989–93): ein gewaltiges Glasdach auf bogenförmigen Stahlträgern mit einem eigens entwickeltem Tageslichtraster. Als „Herzogs Kristallpalast“ und „Wunder von Linz“ bezeichnete es der Architekturkritiker der ZEIT, Manfred Sack.
Wo nötig, entwickelt oder erfindet Herzog neue Produkte, oft direkt mit der Industrie. Er hält heute mehrere Dutzend Patente, vor allem für Komponenten intelligenter Gebäudehüllen, für die bessere Nutzung von Solarenergie und neuartige Baustoffsysteme. Ihn interessieren kinetische Elemente, mit denen Fassaden flexibel auf Sonnenstand, Wetter und die Jahreszeiten reagieren können. Denn warum Gebäude unveränderlich sein sollen, wenn doch die Natur sich stets in Kreisläufen verändert, erschließt sich Herzog nicht.
Jedes Material ist ihm recht – ob Holz, Glas, Stahl oder Beton. Herzog sucht immer nach den idealen Maßen und Proportionen. Immer wieder dient die Natur als Inspiration. Beim Doppelwohnhaus in Pullach (1986–89) legt er hinter die transluzente Wärmedämmung schwarz gestrichene Betonfertigteile, welche die Sonnenwärme einfangen wie die schwarze Haut des Eisbären. Aus dem Verwaltungshochhaus in Hannover (1997–99) ragt ein schlanker Lüftungsturm empor, dessen thermischer Auftrieb die natürliche Lüftung unterstützt wie bei den Hügelbauten der Termiten.
Was die Fachleute zum Zungenschnalzen bringt – und auch mal zum Stirnrunzeln –, bleibt einer breiteren Öffentlichkeit weitgehend verborgen. Größere Aufmerksamkeit erregt Herzog nur mit dem gewaltigen Holzdach für die Expo 2000 in Hannover, das er gemeinsam mit Julius Natterer entwickelt. Zehn Holzschirme, jeder zwanzig Meter hoch, tragen eine Dachfläche von 16.000 Quadratmetern. Es gilt bis heute als größtes freitragendes Holzdach der Welt.
Natterer war bereits am Haus in Regensburg beteiligt und wurde wie Wittenborn und Lang ein lebenslanger Freund. Bis zu Natterers Tod 2021 gab er mit Herzog den Holzbau-Atlas heraus. Beide gehören zu den Wegbereitern des modernen Holzbaus in Europa. Mit ihrer Lehre prägten sie die Ausbildung von Ingenieur*innen in Lausanne (Natterer) und von Architekt*innen in München (Herzog). An der TU München richtete Herzog ein Technologiezentrum ein, wo innovative Materialien und Fassadentechnologien entwickelt und erprobt werden.
Büro- und Wohnbauten bleiben Herzogs Hauptthemen. An der Solar City bei Linz (1995–04) arbeitet er im Team mit den ebenso forschenden, wenn auch ungleich bekannteren Kollegen Norman Foster und Richard Rogers. Das Atlantic Haus in Hamburg (2004–07) oder das Oskar von Miller Forum in München (2006–11) sind „typische Herzogs“ – voller ingenieurtechnischer Raffinesse, aber einem größeren Publikum unbekannt. Herzog ist eben kein „Architekturkonditor“, wie Sack schon 1993 schrieb, der Häuser mit allerlei Sahnehäubchen verziert, sondern ein Konstrukteur, der seine Gebäude schon mal als „Hochleistungsgeräte“ beschreibt.
Kontinuität über Generationen
Das Büro von Thomas Herzog sitzt heute noch im selbst entworfenen Haus in München. Mittlerweile sind auch Tochter Lavinia Herzog, Architektin und Landschaftsarchitektin, sowie Sohn Cassian Herzog beteiligt. Lavinia Herzog erzählt, sie habe schon als Kind unter dem Schreibtisch der Mutter die ersten Entwürfe gezeichnet. Seit 2020 ist sie Partnerin im Büro.
Gebaut haben die Herzogs in den letzten 15 Jahren vor allem in China. Über eine Keynote Lecture in Peking 1996 und eine Gastprofessur wuchsen Kontakte. „Mein Vater“, sagt Lavinia Herzog, „sah es immer auch als Bildungsauftrag, in einem derart großartigen Land dabei zu helfen, die Weichen Richtung Nachhaltigkeit und Erneuerbare Energien zu stellen.“ So entstehen Prestigeprojekte wie das Yangtze Civilization Museum in Wuhan (2013–15) oder das Kunstmuseum von Guangzhou (2014–23). Die anspruchsvolle Erfindungsgabe, die alle Bauten von Thomas Herzog auszeichnet, ist auch bei diesen Gebäuden geblieben. Jedes ist ein Prototyp, der die Grenzen des technisch Machbaren testet und wo nötig erweitert.
Heute feiert der Ingenieur, Architekt, Erfinder, Forscher und Tüftler seinen 85. Geburtstag. Wir gratulieren herzlich.
Natterer war bereits am Haus in Regensburg beteiligt und wurde wie Wittenborn und Lang ein lebenslanger Freund. Bis zu Natterers Tod 2021 gab er mit Herzog den Holzbau-Atlas heraus. Beide gehören zu den Wegbereitern des modernen Holzbaus in Europa. Mit ihrer Lehre prägten sie die Ausbildung von Ingenieur*innen in Lausanne (Natterer) und von Architekt*innen in München (Herzog). An der TU München richtete Herzog ein Technologiezentrum ein, wo innovative Materialien und Fassadentechnologien entwickelt und erprobt werden.
Büro- und Wohnbauten bleiben Herzogs Hauptthemen. An der Solar City bei Linz (1995–04) arbeitet er im Team mit den ebenso forschenden, wenn auch ungleich bekannteren Kollegen Norman Foster und Richard Rogers. Das Atlantic Haus in Hamburg (2004–07) oder das Oskar von Miller Forum in München (2006–11) sind „typische Herzogs“ – voller ingenieurtechnischer Raffinesse, aber einem größeren Publikum unbekannt. Herzog ist eben kein „Architekturkonditor“, wie Sack schon 1993 schrieb, der Häuser mit allerlei Sahnehäubchen verziert, sondern ein Konstrukteur, der seine Gebäude schon mal als „Hochleistungsgeräte“ beschreibt.
Kontinuität über Generationen
Das Büro von Thomas Herzog sitzt heute noch im selbst entworfenen Haus in München. Mittlerweile sind auch Tochter Lavinia Herzog, Architektin und Landschaftsarchitektin, sowie Sohn Cassian Herzog beteiligt. Lavinia Herzog erzählt, sie habe schon als Kind unter dem Schreibtisch der Mutter die ersten Entwürfe gezeichnet. Seit 2020 ist sie Partnerin im Büro.
Gebaut haben die Herzogs in den letzten 15 Jahren vor allem in China. Über eine Keynote Lecture in Peking 1996 und eine Gastprofessur wuchsen Kontakte. „Mein Vater“, sagt Lavinia Herzog, „sah es immer auch als Bildungsauftrag, in einem derart großartigen Land dabei zu helfen, die Weichen Richtung Nachhaltigkeit und Erneuerbare Energien zu stellen.“ So entstehen Prestigeprojekte wie das Yangtze Civilization Museum in Wuhan (2013–15) oder das Kunstmuseum von Guangzhou (2014–23). Die anspruchsvolle Erfindungsgabe, die alle Bauten von Thomas Herzog auszeichnet, ist auch bei diesen Gebäuden geblieben. Jedes ist ein Prototyp, der die Grenzen des technisch Machbaren testet und wo nötig erweitert.
Heute feiert der Ingenieur, Architekt, Erfinder, Forscher und Tüftler seinen 85. Geburtstag. Wir gratulieren herzlich.
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