Berlin groß denken
Zum Tod von Andreas Reidemeister
Von Nikolaus Bernau
Dreißig Jahre nach dem skandalösen Abriss der riesigen Ruine des Anhalter Bahnhofs in Berlin geriet dieser wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Anlässlich der 750-Jahrfeier 1987 entstand „Mythos Berlin. Eine Szenische Ausstellung“. Ein typisch West-Berliner Kulturprojekt, 1984 von Künstler*innen initiiert, schnell durch die lokale Politik als Tourismuswerbung gekapert, mit maximal vielen Beteiligten, irrwitzig vielen Debatten unter wallendem Zigarettenrauch, relativ gut finanziert mit „Senats-Knete“, trotzdem ständig pleite – und getragen von der festen Zuversicht aller Beteiligter, eine vernachlässigte Ecke der Stadt mit Kunst städtebaulich wieder in Gang zu bekommen.
Als das Projekt am 13. Juni 1987 eröffnet wurde, erzwangen sich Kreuzberger Autonome den Zugang zur gutbürgerlichen Gesellschaft und zum Buffet. Der West-Berliner Architekt Andreas Reidemeister, einer der wesentlichen Projektbeteiligten, fand noch viele Jahre später diese Aktion in einem Gespräch mit Studierenden ganz große Klasse. Der riesige städtische Raum, nur gefasst vom Rest des einstigen Bahnhofshauptportals und dem von Reidemeister entworfenen, hohen Gerüstbogen, der die gigantische Dimension der einstigen Bahnhofshalle deutlich machte, sei durch den Auftritt der Autonomen wieder wirklich öffentlich geworden. Und der Mythos des Orts, der wie sonst allenfalls noch der Potsdamer Bahnhof für die Weltoffenheit Berlins stand, sei wieder erweckt.
Reidemeister, geboren am 26. April 1937 in Berlin und im Alter von fast genau 89 Jahren am 25. Februar 2026 in „seiner“ Stadt verstorben, liebte das hinter dem Glanz des Heutigen verborgene Alte. Kaum verwunderlich: Studiert hatte er seit 1957 an der Technischen Universität Berlin unter anderem bei Julius Posener, der seine Diplomarbeit über die Baukonstruktionskultur in Deutschland zwischen 1820 und 1945 betreute, als Teil der Vorbereitungen für seine in ARCH+ veröffentlichten Vorlesungen zur Architekturgeschichte der Moderne. Auch bei Goerd Peschken studierte Reidemeister, als dieser mit seinen Berliner Schlossforschungen begann.
Von 1965 bis 1968 arbeitete er im Büro von Hans Scharoun an der Konzeption der Lesesäle in der Staatsbibliothek am Kulturforum mit – diesen einzigartigen Leselandschaften. Damals übernahm er bereits erste Lehraufträge, ging 1973 für fünf Jahre in das Büro Schüler und Schüler-Witte und war dort Teil-Projektleiter beim Internationalen Congress Centrum ICC.
Vor Größe hatte der mit den Visionen der technologisch orientierten Moderne der 1960/70er-Jahren sozialisierte Reidemeister nie Angst. Und er dachte aus Prinzip quer. Das zeigte sich etwa 1980 in einem wütenden Artikel im Tagesspiegel. Der West-Berliner Senat hatte nach jahrelangen Verhandlungen das Recht erhalten, die aufgelassenen Eisenbahngelände des heutigen Gleidreieckparks zu nutzen. Reidemeister war angesichts der ersten Planungen schlichtweg entsetzt: „Muss dieses Stück Stadt erstmal nach allen Regeln der Kunst zerschnitten werden, bevor der Bürger über die Restflächen nachdenken darf? Jeder Schlachter kennt die Anatomie seines Schweins besser als manche Planer das Plateau der Güterbahnhöfe, wenn sie es mit ganzen Bündeln von Straßen zerhacken.“ Hier, so sagte er dem Spiegel, werde „Troja deutlich“.
Selbstverständlich arbeitete Reidemeister in der Berliner Altbau-IBA mit, lernte dort das kleine und große Einmaleins der Bürgerbeteiligung und der „behutsamen Stadterneuerung“, die die Menschen mitnehmen will. Und träumte doch weiter vom ganz großen Wurf, wie seine 1988 in der Galerie Aedes ausgestellten Zeichnungen zeigen. Stadtkonzepte für ein ideales Berlin, zarte Strichzeichnungen, mit einem begleitenden Text von Posener, der hier ein Talent sah.
Reidemeister visionierte weiter, etwa von Hochhäusern für den sozialen Wohnungsbau, einer neuen Zentralbibliothek, die als riesiges Raumschiff am S- und U-Bahnhof Jannowitzbrücke Platz finden könnte, oder einem riesigen Glasdach über dem Berliner Trauma Kulturforum. Alles Ideen im Rahmen des Berliner BDA-Projekts „40/40“ (so groß wie eine gebügelte Serviette), zu dem auch der Entwurf eines „Campo Maggiore“ mit Hochhäusern entlang von Karl-Liebknecht- und Rathausstraße als Rahmung des weiten Raums zwischen Fernsehturm und Spree gehörte. Die Sehnsucht vieler nach einer neuen Altstadt verwarf Reidemeister. Stattdessen machte er ihren Verlust und die Neuformatierung der Raumproportionen in der Nachkriegszeit zum Thema.
Als Debattierer war er großartig, ließ Studierende eisern eigene Positionen durchfechten. Möglicherweise deswegen war sein Erfolg als bauender Architekt überschaubar, denn so ein Mann ist auch anstrengend. Sein sicherlich bekannteste Gebäude dürfte die Blaue Kugel sein – das erste Rundkino Berlins, das wie ein Raumschiff auf dem Seitenflügel des Bikini-Hauses am Breitscheidplatz gelandet war. Bereits 1969 war das vergleichbar utopische Projekt für die Kommune 1 in Dahlem entstanden – auf einem Grundstück mitten im Villenviertel, neun Geschosse hoch. Nach der Wiedervereinigung Berlins träumte und entwarf er sich ein Architekturmuseum auf der Karl-Marx-Allee.
Reidemeister war, obwohl einer der eher Unbekannten des lokalen Baugeschehens, einer der Bekannten in den Baudebatten – über viele Jahrzehnte hinweg. Immer wieder hatte er Lehraufträge, zeitweilig eine Professur an der damaligen HdK, wurde als Gutachter gefragt, etwa 2001 für die Umgestaltung der einstigen Lenin-Werft in Danzig zu einem Gedenkort für die Gewerkschaft Solidarność.
Viele seiner Ideen fanden ihren Weg in die Öffentlichkeit, wurden als Chance für die Stadtgestalt und das Berliner Selbstbild debattiert. Sie waren Reibungsflächen bei der Suche nach dem, was eigentlich wichtig für eine Stadt ist: Zusammenhalt, Verantwortung füreinander, und die Suche nach einem Mythos. Was immer der sei.
Das ist mehr, als die meisten Architekt*innen je erreicht haben.




