Jenseits der Requisitenkiste
Zum Tod von Heinz Hilmer
Anfang Juli ist Heinz Hilmer im Alter von 90 Jahren gestorben. Der gebürtige Westfale gehörte zu jenen drei Architekt*innen, die dem ebenfalls erst kürzlich verstorbenen Jürgen Habermas und dessen Familie ein Wohnhaus in Starnberg gebaut haben. Damals, 1972, war Hilmer 36 Jahre alt und hatte zuvor noch kein Gebäude realisiert, allerdings mit seinem Studienkollegen Sattler einen Wettbewerb für die Altstadtsanierung von Karlsruhe gewonnen. Der Architekturkritiker Peter M. Bode machte Habermas drei Empfehlungen für die Gestalter seines Eigenheims. Darunter Peter Buddeberg, Uwe Kiessler und eben Heinz Hilmer sowie Katharina und Christoph Sattler. Die drei konnten Ute und Jürgen Habermas für sich gewinnen, bei einem Kaffee, noch bevor die anderen eine Chance bekamen. Und wer weiß, vielleicht waren sie es auch, die den Philosophen als Verteidiger der Moderne und gleichzeitig gegen die Postmoderne in Stellung brachten.
Habermas habe damals nur eine vage Vorstellung von moderner Architektur gehabt, sagte Sattler in einem Interview mit dem Deutschen Architekt:innenblatt, er sei kein visuell orientierter Mensch gewesen. Für den Entwurf sprachen sie über Haus Wittgenstein und Adolf Loos, das Hauptanliegen des Philosophen waren aber seine vielen Bücher und die drei Kinder. Hilmer und die Sattlers entwarfen der Familie ein deutlich an der klassischen Moderne orientiertes Haus. Das Erstlingswerk sollte das letzte seiner Art im Werk der Architekten bleiben. Denn – laut Sattler auch zur Verwunderung von Habermas – sie entwickelten sich in eine andere Richtung, auch wenn diese schon früh zu erahnen war.
Heinz Hilmer, 1936 in Münster geboren, studierte wie Sattler an der Technischen Hochschule München – bei „Lehrern der konservativen, handwerkbezogenen süddeutschen Moderne“ (etwa Döllgast), wie Christoph Sattler sagt. Während es diesen für das Masterstudium nach Chicago ans IIT und daraufhin ins Büro von Mies van der Rohe zieht, macht Hilmer seinen Baureferendar und wird 1965 Beamter der Bayerischen Staatsbauverwaltung. 1968 geht er zur Planungsabteilung der Neuen Heimat Bayern, dem damals größten nicht-staatlichen Wohnungsbaukonzern Europas, wo Sattler nach seiner Rückkehr aus den USA ebenfalls angefangen hatte. Gemeinsam nahmen die beiden 1970 an einem städtebaulichen Wettbewerb für die Sanierung der Karlsruher Altstadt teil. Hier sahen sie die Chance, ihre „Vorstellung von geschlossenen und definierten Stadträumen auszudrücken“ – und gewannen. Daraufhin gründeten sie 1974 das Büro Hilmer & Sattler mit Sitz in München.
Bereits 1966 habe in ihnen eine Grundsatzkritik an den Prinzipien der CIAM und der Charta von Athen zu keimen begonnen. Habermas, mit dem die Architekten bis zuletzt noch oft über Architektur gesprochen hätten, habe diese Entwicklung nicht gefallen. In seinen Vorträgen 1980 über die Moderne als „unvollendetes Projekt“ (1980) oder „Moderne und postmoderne Architektur“ (1981) kritisierte der Philosoph letztere als rückwärtsgewandten Konservatismus. Ausgerechnet dieser postmodernen Strömung wurde aber das Frühwerk von Hilmer & Sattler, das nach dem Habermas-Haus folgte, zugerechnet.
Hilmer sagte 1990, dass sie „für die oberflächlichen Verlockungen der Postmoderne“ sehr anfällig gewesen seien. „Aber was wir uns nicht geleistet haben, ist dieser maßlose Griff in die Requisitenkiste der Geschichte. Die unreflektierte Jagd auf Zitate war für uns nicht das Ziel.“ Ihre Haltung beschreibt Hilmer stattdessen so: „Entwerfen hat weniger mit Erfinden als mit dem Neukomponieren von gespeicherten architektonischen Erinnerungen zu tun.“
Daraus entstanden Bauten wie Haus Herrlich in Karlsruhe (1980), Haus Becker in München (1986) oder die Berliner Bauten am Lützowplatz und der Kurfürstenstraße – allesamt geprägt von deutlichen Dachüberständen mit an der Untersicht gezeigten Dachkonstruktionen, denen man die handwerkliche Herstellung ansieht. Ähnliches gilt, wenn auch formal ohne Dachüberstand, für die Berliner Projekte des BEWAG Umspannwerks (1996), den Bahnhof Mendelssohn Bartholdy Park (1998), den Christoph Mäckler mal zum besten Neubau Deutschlands kürte, und nicht zuletzt die Gemäldegalerie (1998).
In Berlin gründeten Hilmer & Sattler 1988 ihre zweite Niederlassung. Hier sanierten die Architekten einige wichtige historische Gebäude: die Neue Wache (1993), die Sammlung Berggruen (1996) oder den Martin-Gropius-Bau (1999). Das Büro, das ab 1997 unter dem Namen Hilmer & Sattler und Albrecht firmiert, ist aber auch für einige Projekte (mit-)verantwortlich, die zu jahrelangen ideologischen Grabenkämpfen in der Hauptstadt führten. Für den Potsdamer und Leipziger Platz etwa hat es nicht nur ein Wohn- und Geschäftshaus (2003), das Hochhaus für Ritz Carlton (2003) und die Eingangsbauwerke des Bahnhofs (2006) realisiert, sondern zuvor auch den Masterplan (1991–97) entwickelt, auf dessen Grundlage die nachfolgende Bebauung stattfand.
Und auch an der Rekonstruktion des Stadtschlosses war das Büro beteiligt, übernahm Planung und künstlerische Oberleitung innerhalb der Bauleitung. Das fand Habermas „schon sehr eigenartig“, so Sattler. Als das Humboldt-Forums 2021 fertiggestellt wurde, hatten sich beide bereits aus der Geschäftsführung zurückgezogen. Mit Heinz Hilmer ist nun ein Architekt gestorben, der über 40 Jahre hinweg die jüngere Baugeschichte nicht nur in München und Berlin maßgeblich geprägt hat. (mh)



