Dem Staat die Legitimation bauen
Zum Tod von Roland Korn
Von Nikolaus Bernau
Hunderte, wenn nicht Tausende Architekten, Bauingenieure, Maurer und Bauleute flohen seit 1949 wie viele andere Fachleute vor dem DDR-Sozialismus. Auch der 1930 in Suhl geborene, talentierte, erst als Maurer, dann seit 1948 an der Fachschule für Bauwesen in Gotha ausgebilde Roland Korn hätte mit seinem Aufstiegswillen und seiner Energie sicher im Westen Karriere gemacht. Doch er blieb in einem Staat, der ihn mit seiner Bürokratie, Ineffizienz und kulturellen Ignoranz sicherlich oft zur Verzweiflung brachte.
Er wurde einer der führenden Staatsarchitekten in der DDR. Früh war er in die SED eingetreten. 1959 gewann er sensationell den Wettbewerb für die Magdeburger Elbschwimmhalle, eine von Licht durchströmte große Halle, wurde daraufhin 1961 in das VEB Berlin-Projekt berufen und schnell in die Kollektivleitung für den Bau des Staatsratsgebäudes aufgenommen.
Es war in jeder Hinsicht eines seiner bedeutendsten Projekte. Die Fassaden und die Innenräume verbinden ästhetische Repräsentationsformeln des International Style, wie sie amerikanische, schweizer und französische Großindustrielle und -banken liebten. Die Fassade mit einer klassizizierenden, als „deutsch“ angesehenen Pfosten-Riegelarchitektur hingegen war von einer regelrechten Reliquie geprägt, dem aus Originalfragmenten zusammengesetzten Portal IV des Berliner Schlosses. Von ihm aus Karl Liebknecht am Abend des 9. November 1918 die Sozialistische Deutsche Republik ausgerufen.
Für die SED legitimierte Liebknechts Rede historisch ihren Machtanspruch. Gerade nach dem Aufstand von 1953, der sie als Vertreter der Arbeiter und Bauern fundamental delegitimiert hatte, brauchte sie solche Symbole. Dass Korn, um dem Portal einen neuen architektonischen Sinn zu geben, 1964 die Stockwerkteilungen des 1950 auf Befehl der SED gesprengten Berliner Schlosses übernahm, wurde dabei offenbar in Kauf genommen.
Der kaum Mittdreissiger Roland Korn galt nun als einer der führenden Architekten der DDR. Dass er im Rahmen des „Architekturexports“ der SED als Chefarchitekt nach Bagdad gehen sollte – wo sich seit der Ermordung König Faisal II . 1958 wechselnde Offiziersregime an die Sowjetunion anlehnten – vereitelte die Berliner Parteiführung: Korn werde daheim gebraucht. Ab 1964 entwarf er im Team von Hans Grothewohl den neuen Alexanderplatz, zusammen mit dem Innenarchitekten Hans Erich Bogatzky den schlanken Turm des Interhotels Stadt Berlin (heute Park Inn) als städtebauliches Pendant zum Fernsehturm.
Ab 1968 zusammen mit Bogatzky, Johannes Briske und Roland Steiger entstanden Entwürfe für das Haus des Reisens. Es ist ein Musterstück der Zweiten Nachkriegsmoderne: Schlanke Stäbe vor den Fassaden wie bei bundesrepublikanischen Verwaltungsbauten der Zeit, der Turm mit breitem Sockelbau gleich einem amerikanischen Bürohaus, das angeblich Wikingerschiffe zitierende Schalendach und das gewaltige Relief von Walter Womaka „Der Mensch überwindet Raum und Zeit“ als Inszenierung der Sehnsucht nach Ferne. Aus westlicher, auch polnischer, tschechoslowakischer oder ungarischer Sicht keine Sensation – wohl aber für die enge DDR.
Kurzzeitig entwarf Korn in Chile für die Regierung Salvador Allendes Fertighäuser aus Holz, um die Wohnungsnot zu lindern, wurde dann aber 1973 zum Chefarchitekten von „Berlin – Haupstadt der DDR“ berufen. Bis 1989 ging nichts mehr an seinem Schreibtisch vorbei, was irgendeine Bedeutung für die Selbstinszenierung der DDR als Wohlfahrts- und Industriemacht in Berlin hatte.
Zentral war dabei das Wohnungsbauprogramm, die Großwohnsiedlungen Marzahn und Hohenschönhausen wurden sein Arbeitsfeld. Sie standen in direkter Konkurrenz zu den Siedlungen in Westdeutschland, ihre Systembauweise wirkte als Gegensatz zu den Bauten in der West-Berliner Gropiusstadt und dem Märkischen Viertel. In den 1980ern kam die politische und planerische Flankierung vom Nikolaiviertel hinzu, das unter Leitung von Günter Stahn als kleinteilige Antithese zu den inzwischen scharf kritisierten Architekturen der WBS-70-Viertel entstand.
Am 4. November 1989 stand vor Korns Haus des Reisens der Lastwagen mit der Rednertribüne für die größte Demonstration der DDR-Geschichte. Von dort aus wurde die Abdankung der SED gefordert, das Ende des Staatssozialismus, die Korns Werke prägten, deren Außenbild er als Entwerfer und vor allem als Architekturorganisator wesentlich prägte. Kaum verwunderlich, dass er nach 1990 keinen Anschluss im bundesrepublikanischen Bauwesen mehr fand. 1992 schied er aus dem Dienst des Berliner Senats aus, im Jahr 2000 schloss er sein Büro.
Zwei seiner Werke allerdings erlebten eine Renaissance. Das Staatsratsgebäude wurde unter Gerhard Schröder provisorisches Kanzleramt der neuen Bundesrepublik, später zog eine private Wirtschaftshochschule ein. Die hochpolitische Architektur passte perfekt in die konservative Architekturdebatte der 1990er-Jahre. Am Haus des Reisens entzündete sich eine Debatte über die Ostmoderne. Zwei Jahrzehnte lang versuchte der Berliner Senat den Bau abreißen zu lassen, um Platz für Hans Kollhoffs Hochhaus-Planung zu schaffen. 2015 kam es schließlich unter Denkmalschutz, zusammen mit dem vom Kollektiv Karl-Ernst Swora entworfenen Haus des Berliner Verlags.
Dass zwei seiner Bauten als Erbe der neuen Bundesrepublik geschützt werden, hätte sich Roland Korn zu seinen Arbeitszeiten wohl kaum gedacht. Wie aus Familienkreisen bekannt wurde, verstarb Roland Korn am 20. Juli 2026 in Gera. Kurz zuvor erst hatte er auf einer Veranstaltung furios gegen Investoren gewettert, die keine Rücksicht auf das Vorhandene in den Städten nähmen.




Ein Vorbehalt, damit die Gegenkritik nicht ihrerseits überzieht. Die Legitimationsfunktion des Staatsratsgebäudes ist keine Erfindung des Nachrufs. Das Portal, die eingebaute Balkonrede, die Reliquie als historisches Argument der SED — das ist ein dokumentiertes Programm, von Korns Kollektiv gebaut, kein feindseliger Deutungseffekt. Der Einwand richtet sich deshalb nicht gegen die Beobachtung, sondern gegen ihre selektive Benennung. Legitimation durch Architektur ist universell: Jedes Parlament, jede Zentralbank, jedes Kanzleramt tut nichts anderes. Der Skandal des Nachrufs liegt im „nur hier”, nicht im „falsch”. Wer die Legitimationsleistung ausspricht, sobald der Staat die DDR heißt, und schweigt, sobald er anders heißt, betreibt keine Analyse, sondern selbst eine Zuschreibung.
Woran der Text zuletzt scheitert, ist seine Figurenökonomie. Er lässt nur zwei Korns zu: den tragisch verhinderten West-Individualisten, aus dem „was hätte werden können”, und den Legitimationsbauer der SED. Beide sind Erfindungen. Den geflohenen Korn, der im Westen Karriere gemacht hätte, gibt es nicht; er hat nichts gebaut. Als Maurer und Fachschulabsolvent aus der Provinz ist das Was und Wie gar nicht eingebettet. Ihn gegen den wirklichen, gebliebenen auszuspielen, ist ein Erzähltrick, der das gelebte Werk einem ausgedachten unterordnet — als zähle immer nur das „andere”. Man kann die Rechnung umdrehen: Korn ist etwas geworden, weil er geblieben ist, nicht obwohl. Damit tritt die dritte Figur hervor, für die der Nachruf kein Raster hat — das produktive Subjekt einer kollektiven Moderne, das sich den International Style, die Platte und die barocke Reliquie aneignet und zu etwas Eigenem verschweißt. Genau jene „unreinste” Geste, die Montage des dynastischen Portals mit der Rasterfassade, ist der autorschaftliche Akt, den der Text zu lesen sich weigert — nicht weil es ihn nicht gäbe, sondern weil sein Maßstab östlich der Elbe keine Produktion vorsieht, sondern nur Empfang.
Am deutlichsten wird er dort, wo der Text am beiläufigsten wirkt: beim Etikett „International Style” für das Staatsratsgebäude. Schon formal ist die Zuordnung falsch. International Style meint die stumme Syntax der Vorhangfassade, die Form, die auf nichts als Form verweist. Der Nachruf selbst beschreibt aber etwas ganz anderes — eine Montage aus den Repräsentationsformeln des International Style, einer klassizisierenden, als „deutsch” empfundenen Pfosten-Riegelarchitektur und, als Herzstück, dem barocken Portal IV des gesprengten Schlosses. (Übrigens auch eine Collage – da man DAS Portal gar nicht so auseinanderbekam – genauso weiß man auch nicht wirklich auf welchem Portal Liebknecht wirklich stand … ) Ein Bau, der eine dynastische Reliquie in die Rasterfassade einschweißt, ist das genaue Gegenteil von Selbstreferenz: Er ist semantisch überladen, er verweist unablässig nach außen — auf Geschichte, auf Legitimation, auf die Liebknecht-Rede. Das Etikett planiert also gerade das, was den Bau interessant macht. Und es tut das nicht harmlos. „International Style” schleust durch die Hintertür das Urteil „Import” ein: Korn habe die großen Vorbilder gehabt, habe zusammengesetzt, was anderswo erfunden wurde.
Hier greift der doppelte Maßstab. Im westlichen Biografie-Genre ist der nachgewiesene Bezug auf Vorbilder der Adelsschlag der Autorschaft. Wer sich mit Vitruv, mit Palladio, mit Mies auseinandersetzt, zitiert wissend; die Referenz signiert. Aneignung wird dort zu Originalität verstoffwechselt — der Architekt, der aus drei konkurrierenden Quellen eine Collage zimmert, gilt als souveräner Synthetiker, nicht als Kopist. Östlich der Elbe kippt exakt dieselbe Geste ins Negative: Aus Referenz wird Nachahmung, aus Synthese wird Copycat, aus Aneignung wird bloßer Empfang. Ganz der gerade stattfindenden „Slawischer Brutalismus“ Diskussion wird dem „Barbaren“ die produktive Verwandlung dessen, was er aufnimmt, systematisch verweigert; er darf importieren, nie transformieren.