Buchtipp: Konsequenter Brillenwechsel
Architecture is Climate
Vielleicht klingt der Titel dieses Buches so unangenehm, weil er ein grundlegendes Selbstverständnis angreift. Architecture is Climate ist alles andere als ein Coffee Table Book. Anthony Powis, Tatjana Schneider, Christina Serifi, Jeremy Till und Becca Voelcker vom Forschungskollektiv Mould schreiben an gegen Denkprinzipien der planenden Disziplinen. Und darüber hinaus. Sich auf das Bauen und technologische Pflaster – die sogenannten „Lösungen“ – zu beschränken, packt die Probleme keinesfalls an der Wurzel und macht blind für andere Möglichkeiten, Architektur zu machen. Die Leitfrage lautet entsprechend nicht, was Architektur gegen den Klimakollaps tun kann, sondern was der Klimakollaps mit Architektur macht.
Entstanden ist die Publikation im Rahmen des Forschungsprojekts „Architecture after Architecture: Spatial Practice in the Face of the Climate Emergency“, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und dem britischen Arts and Humanities Research Council finanziert wird. Es ist der Versuch, die Disziplin der Architektur aus ihrer selbst gesetzten Mitte zu rücken und ihre Verstrickung mit dem Klimakollaps aufzuzeigen. In acht Kapiteln zu Wissen, Ökonomie, Land, Ressourcen, Infrastruktur, Arbeit, Politik und Kultur analysiert das Kollektiv, wie es so weit kommen konnte. Vom Englischen sollte man sich dabei nicht abschrecken lassen: Die gewählte Sprache ist in weiten Teilen sehr anschaulich und somit gut verständlich.
Schwerer zugänglich sind hingegen einige der eingeflochtenen Thesen von weiteren Forschenden und Praktiker*innen, die vielen nicht auf Anhieb bekannt sein dürften. Die kapiteleinleitenden Illustrationen – mehrdeutige, schwarmartige Gebilde – stammen von Sarah Bovelett, die ebenfalls zu Mould gehört. Ein noch viel stärkeres Bild für die behandelten Themen lieferte sie allerdings mit einer Neuinterpretation des „Evolutionary Tree of Twentieth-Century Architecture“ von Charles Jencks, die es leider nicht ins Buch geschafft hat.
Nichts ist neutral oder gar unbefangen. Das Kollektiv fordert, sich der Abhängigkeiten und der Beschränktheit des eigenen Wissens sowie der eigenen Lebens- und Arbeitsweise bewusst zu werden: Architektur ist Motor extraktiver Ökonomien, tief verstrickt in Wachstumslogiken und kapitalistische Verwertungsprozesse. Land ist kein neutraler Baugrund, sondern politisch umkämpft – vom Kolonialismus über Enteignungen bis hin zu Grenzziehungen aller Art. Baumaterialien sind Ergebnis globaler Extraktionsketten voller ökologischer und sozialer Konflikte. Infrastrukturen sind tief politisierte Systeme, die bestimmte Lebensweisen ermöglichen – und andere ausschließen. Sie stabilisieren die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen, indem sie Energie-, Wasser- und Logistikströme unsichtbar und selbstverständlich machen.
Ebenso verdecken perfekte Renderings die prekäre, oft global verteilte Arbeit hinter der Architektur – vom Rohstoffabbau bis zur Baustelle. Regulierungen, Normen und Zertifikate verwalten oft nur Symptome. Letztlich (re-)produzieren Architekt*innen Bilder, Narrative und Begehrlichkeiten – und tragen damit zur Stabilisierung klimaschädlicher Lebensweisen bei.
Es geht den Autor*innen jedoch nicht darum, sich mit einer nahenden Apokalypse auseinanderzusetzen, sondern den Kopf für Alternativen zu öffnen. Sie plädieren dafür, Architektur und andere Disziplinen konsequent zusammenzudenken und durch die Klimabrille zu betrachten. Gefordert sind ökonomische Praktiken, die Fürsorge, Kreisläufe und Suffizienz priorisieren. Weniger verbrauchen, genauer hinschauen. Besitzlogiken sollen infrage gestellt und relationale, gemeinschaftliche Nutzungen gestärkt werden. Wenn sich etwas ändern soll, dann nicht erst auf der Baustelle oder bei den Verhandlungen über Emmissionsausgleich. „Grüner Kapitalismus“ und „Nachhaltige Architektur“ können die bestehenden Verhältnisse nicht erschüttern.
Das ist nicht in jedem Punkt neu, aber klar formuliert und für das Fach präzise zugespitzt. Architecture is Climate ist am stärksten, wenn es Begriffe entzaubert und blinde Flecken der Disziplin offenlegt. Weniger stark ist es dort, wenn man konkrete Handlungsschritte für Berufsalltag und Lehre ableiten möchte. Denkanstöße liefern immerhin die sogenannten „prompts“ am Ende jedes Kapitels. Doch die vorgeschlagenen Alternativen bleiben bewusst offen, manchmal auch etwas abstrakt. Wer eine Projektsammlung oder Handreichung sucht, wird eher auf der begleitenden Webseite fündig, auf die die Autor*innen mehrfach verweisen. Hier sind zahlreiche Beispiele dafür zu finden, wie alternative Architekturpraktiken aussehen können.
Trotzdem ist der Band absolut lesenswert – gerade weil er die grundlegenden Probleme der Architektur, wie wir sie kennen, zusammenfasst und das selbstschützende, inzwischen einstudierte Sprechen von Nachhaltigkeit, Resilienz und Innovation ablegt. Architecture is Climate liefert keine fertigen Antworten, sondern besteht darauf, die Verstrickungen anzuerkennen, misstrauisch zu hinterfragen und nach Alternativen zu suchen. Zeit, die Brille zu wechseln.
Text: Maximilian Ludwig
Architecture is Climate
MOULD (Hg.)
Englisch
207 Seiten
dpr-barcelona, Barcelona 2025
ISBN 978-84-128922-8-4
18 Euro
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