Ruinen, die nicht vergehen
Deutscher Pavillon auf der Kunstbiennale in Venedig
Ruinen, die nicht vergehen
Deutscher Pavillon auf der Kunstbiennale in Venedig
Die Nachwendezeit prägt noch immer unsere Gegenwart. So könnte man die zentrale These des Deutschen Pavillons auf der diesjährigen Kunstbiennale Venedig zusammenfassen. Henrike Naumann und Sung Tieu haben zusammen mit Kuratorin Kathleen Reinhardt einen ebenso eingängigen wie dringlichen Resonanzraum aus Architektur, Design und (baubezogener) Kunst geschafften. Ein Höhepunkt der Biennale, die morgen eröffnet.
Ein ruinöser Ost-Berliner Plattenbau steht in diesem Jahr zwischen den Pavillons in den Giardini – als weit sichtbarer Bestandteil des deutschen Beitrags „Ruin“. Hart und fast noch monumentaler als sonst zeigt sich der Pavillon, sodass man fast schon froh ist über die vielen Graffitis, die seine Fassade zieren und ihn zumindest ein wenig auflockern.
Schnell drängt sich da der Gedanke an Albert Speers Ruinenwerttheorie auf. Überhaupt: Die Deutschen und ihre Ruinen. Ist das hier womöglich ein weiterer Versuch, dem wuchtigen Pavillon seine NS-Vergangenheit auszutreiben – diesmal durch ironische Verfremdung? Dahingehende Versuche gab es schließlich in den vergangenen Jahrzehnten schon einige.
Aber nein, das Gegenteil ist der Fall. Den beiden Künstlerinnen Henrike Naumann – Anfang des Jahres im Alter von nur 41 Jahren verstorben – und Sung Tieu (geboren 1987) geht es vielmehr darum, die Kontinuitäten von politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen anzuerkennen. Über viele Jahrzehnte und mehrere politische Systeme hinweg. Ihre Ruine ist eine aufklärerische Geste. Und Tieus Plattenbau-Fassadenarbeit entpuppt sich in Nahsicht nicht als fein gepixelte Fototapete, sondern als Mosaik aus Marmorsteinen – ein Spiel mit den Erwartungen.
Schnell drängt sich da der Gedanke an Albert Speers Ruinenwerttheorie auf. Überhaupt: Die Deutschen und ihre Ruinen. Ist das hier womöglich ein weiterer Versuch, dem wuchtigen Pavillon seine NS-Vergangenheit auszutreiben – diesmal durch ironische Verfremdung? Dahingehende Versuche gab es schließlich in den vergangenen Jahrzehnten schon einige.
Aber nein, das Gegenteil ist der Fall. Den beiden Künstlerinnen Henrike Naumann – Anfang des Jahres im Alter von nur 41 Jahren verstorben – und Sung Tieu (geboren 1987) geht es vielmehr darum, die Kontinuitäten von politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen anzuerkennen. Über viele Jahrzehnte und mehrere politische Systeme hinweg. Ihre Ruine ist eine aufklärerische Geste. Und Tieus Plattenbau-Fassadenarbeit entpuppt sich in Nahsicht nicht als fein gepixelte Fototapete, sondern als Mosaik aus Marmorsteinen – ein Spiel mit den Erwartungen.
Im Inneren wird sofort klar, was Naumann meinte, als sie sagte: „Wir machen es uns im Deutschen Pavillon gemütlich, und spüren an allen Ecken und Kanten, dass es gemütlich hier nicht gibt.“ Zwar hängen Vorhänge vor den Fenstern und Bilder an den Wänden, aber spätestens bei den reliefartig verzerrten Möbeln wird klar, dass hier etwas nicht stimmt. Zu sehen ist eine Art Diorama der Nachwendezeit in den Gebieten der früheren DDR, inklusive postmodernem Billigmöbelschrott, der kaum über den Verlust von Identität und Sicherheit hinwegtrösten konnte, den viele Menschen nach der Wende erfuhren. Wobei allein die Tatsache, dass es mehr als 25 Jahre gedauert hat, um die Befragung jener Jahre im vermeintlich vereinten, bundesdeutschen Pavillon künstlerisch anzugehen, für sich spricht.
Wir machen es uns im Deutschen Pavillon gemütlich, und spüren an allen Ecken und Kanten, dass es gemütlich hier nicht gibt.Henrike Naumann
„Die Innere Front“ hat Naumann ihre Arbeit getauft und damit auch einen kämpferischen Akzent mit Blick auf die Gegenwart gesetzt. Ignorieren hilft nicht, wir müssen uns der Vergangenheit stellen und um die Zukunft kämpfen. Naumann sagte das auch als Kind der späten DDR, mit der sie – ebenso wie Tieu und Kuratorin Kathleen Reinhardt – biografisch verbunden ist. Wobei Naumann die biografische Spange noch weiter fasst, wenn sie in Form eines gepolsterten Wandbildes eine Arbeit ihres Großvaters Karl Heinz Jakob zitiert, die dieser einst für die Industrie- und Handelskammer in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) geschaffen hatte. Erstmalig wird dadurch im Deutschen Pavillon auch das Kunsterbe der DDR gewürdigt, wenn auch indirekt.
Tieu – Tochter sogenannter Vertragsarbeiter*innen in der DDR – erweitert das Themenfeld noch einmal um eine entscheidende Perspektive. Sie blickt auf die Erfahrungen einer teils bis heute marginalisierten Gruppe zwischen Plattenbautristesse, verzehrender körperlicher Arbeit, Disziplinierungsversuchen und Alltagsrassismen. Tieu lebte als Kind in genau dem Wohnblock in der Gehrenseestraße, der nun die Fassade des Pavillons ziert. Während Naumanns Installation von konkreten Objekten und Oberflächen lebt, findet Tieu einen minimalistischeren Zugang, wenn sie mit hartem Metall den Körper ihrer Mutter vermisst. Die oft gnadenlose „Verwertung“ der „Vertragsarbeiter*innen“ in einem vermeintlich brüderlichen Staat wird hier sehr unmittelbar erfahrbar. Naumanns Ansatz setzt hingegen deutlich mehr Vorwissen – oder Lektüre – voraus. Dann erfährt man beispielsweise, dass das Mintgrün der Pavillonwände von den Innenräumen sowjetischer Kasernen in der DDR abgeleitet ist.
Im Zusammenspiel dieser unterschiedlichen Ansätze ist der diesjährige Beitrag von bemerkenswerter Klarheit, ein Zeugnis vermutlich auch der kongenialen Zusammenarbeit der beiden Künstlerinnen mit Kuratorin Reinhardt (die seit 2022 das Georg Kolbe Museum in Berlin leitet). Die geradezu brutale Setzung von Tieus Fassadenüberformung korrespondiert perfekt mit dem zentralen Raum Naumanns in seiner großformatigen, musealen Qualität. Und in den beiden kleineren Seitenräumen zeugen unter anderem Körperabdrücke von Tieus Mutter von einer ganz anderen Sinnlichkeit. Der Wechsel zwischen diesen Sphären ist eine ästhetische Erfahrung für sich.
Was also bleibt von Tieus und Naumanns analytischem Blick auf die jüngere Vergangenheit? Vielleicht, dass es nicht selten die fortwirkenden Prozesse von gestern sind, die die Ruinen von morgen produzieren. In diesem Sinne wird in ihrem gemeinsamen Werk in Venedig das Erinnern selbst zu einem widerständigen Akt.
Was also bleibt von Tieus und Naumanns analytischem Blick auf die jüngere Vergangenheit? Vielleicht, dass es nicht selten die fortwirkenden Prozesse von gestern sind, die die Ruinen von morgen produzieren. In diesem Sinne wird in ihrem gemeinsamen Werk in Venedig das Erinnern selbst zu einem widerständigen Akt.









