Glashaus im urbanen Dschungel
Umbau in Berlin von Julian Breinersdorfer Architekten
Mitten im dicht bebauten Neukölln, zwischen Karl-Marx-Straße und Sonnenallee, sind rund um den Richardplatz bis heute die historischen Dorfstrukturen von Böhmisch-Rixdorf erkennbar. Das Fachwerkdörfchen war 1737 – damals noch weit vor den Toren Berlins – von protestantischen Flüchtlingen aus Böhmen gegründet worden.
Wie der Berliner Architekt Julian Breinersdorfer berichtet, sei das Dorf mitten in der Großstadt weiterhin nicht nur architektonisch leicht zu finden, sondern auch sozio-ökonomisch „überraschend intakt“. Noch immer würden viele direkte Nachkommen der ursprünglichen Siedler*innen dort leben. Er muss es wissen, denn seit ein paar Jahren wohnt er ebenfalls in Rixdorf.
Durch Zufall wurde er auf ein 270 Quadratmeter großes, beinahe dreieckiges Grundstück aufmerksam, das zwischen der historischen Dorfmauer und einer fünfstöckigen Mietskaserne am alten Kirchplatz liegt. Ein Dachdecker nutzte es mit einem schlichten Lagerschuppen und einer kleinen Bürozelle. Durch ein großes Tor in einer mannshohen Metallwand am alten Kirchplatz rumpelten die Lieferwagen über das vollständig versiegelte Areal bis zu einer Laderampe.
Nach dem Kauf hat Breinersdorfer den Beton selbst herausgerissen und den Boden schrittweise mit Erde und Kompost aufgepäppelt. Von der Lagerhalle behielt er die Stahlstruktur und das alte Holzdach. Im ehemaligen Büro an der Brandwand zum Nachbarhaus gibt es jetzt ein Schlafzimmer und ein innenliegendes Bad.
Die Seitenwände der kleinen Halle bestanden nur aus Well-Plastik, die Breinersdorfer durch eine schlichte Einfachverglasung ersetzte. Wo früher die Laderampe stand, grub er einen zwölf Meter langen, bis zu zwei Meter tiefen Teich, der bis an die Glaswand reicht. Darüber hat er einen Streifen des Daches entfernt, sodass der Teich zwischen gläsernem Wohnzimmer und Mauer einen zusätzlichen Außenraum bildet. Er wird von der erhaltenen, roten Stahlstruktur gerahmt. Mit insgesamt vier raumhohen Glastüren öffnet sich das Wohnzimmer in drei Richtungen – Innen- und Außenraum gehen nahtlos ineinander über, die Wege führen sowohl durch den Garten als auch durchs Haus.
Die hohen Mauern ringsum geben dem transparenten Haus inmitten der Stadt ausreichend Privatsphäre. So kann durch die Glaswände der Garten zum vollwertigen Teil des Wohnzimmers werden, in dem man sich eher wie auf einer Lichtung im Wald als wie in einem Gebäude fühlt. Dazu trägt auch bei, dass durch die Einfachverglasung die Jahreszeiten mit ihren wechselnden Temperaturen im Inneren nicht nur sichtbar, sondern auch spürbar sind.
Breinersdorfer und seine vierköpfige Familie stört das nicht, eher im Gegenteil: Im Winter orientiere man sich eben stärker um den großen Kaminofen im Wohnzimmer, dessen zwei Schornsteine hoch über dem Pavillon aufragen. Vom alten Dorfplatz aus sind diese beiden Schornsteine und ein merkwürdiges, über die Metallwand spähendes Fenster-Rechteck die einzigen sichtbaren Spuren des ungewöhnlichen, gut versteckten Baukörpers.
Schon seit 2015 nutzt der Architekt das Rote Haus als Wohnatelier mit 110 Quadratmetern Nutzfläche. „Fertig“ ist das Projekt bislang aber noch nicht – Haus und Garten befinden sich in ständiger Transformation. Aktuell liegt eine Baugenehmigung für eine zweigeschossige Aufstockung an der Brandwand zur Mietskaserne vor. Nach ihrer Realisierung will die Familie dauerhaft einziehen. (fh)
- Architektur:
- Julian Breinersdorfer Architekten
- Projektteam:
- Julian Breinersdorfer, Minho Park, Eric Wolfgang Eisenhut, Martino Pacchetti, Francesca Esposito und Alessandro Cugola
- Tragwerk:
- Volker Link
- Bauherrschaft:
- Julian Breinersdorfer
- Fläche:
- 100 m² Nutzfläche
Das macht unglaublich gute Laune.
Und zugleich kommt es auf leisen Pfoten daher.
Danke!
dort haben regelmäßig versicherungsangestellte ihre verpflichtenden dienstpraktika gemacht und nach der woche geschwärmt, dass sie noch nie so viel lebenssinn erfuhren
...nur um wieder zurück in die maschine voller regeln, zwänge ud ängste zu fliehen.
schön, dass mal jmd geblieben ist.
wunderbar
Ich schätze das Projekt wurde genehmigt, weil es sich um eine Sanierung und keinen Neubau handelt. Das GEG erlaubt ja bei Sanierungen mildere Anforderungen, solange ein wirtschaftlicher Nachweis erbracht wird (§71 GEG ?). Der spätere Anbau gilt als Erweiterung, welcher sich vom Altbau abhebt – was typisch ist für Berliner Genehmigungen bei Industrieumbauten.
Ausserdem stammt das Projekt aus 2014 und liegt lange vor den GEG-Anstrengungen von 2026.